An der Côte d’Azur gibt es ein Museum, das die Kunstgeschichte neu schreibt, ganz ohne Slogans


Was wäre, wenn die Kunstgeschichte einfach nur schlecht erzählt worden wäre? In Mougins an der Côte d’Azur gibt es ein Museum, das FAMM, das rund 90 Künstlerinnen vom Impressionismus bis zur Gegenwart vereint und dazu einlädt, die Werke ohne die Filter der Geschichtsschreibung zu betrachten, wodurch eine unerwartete Frage auftaucht: Wer hat wen wirklich beeinflusst? Ein Artikel von Luca Rossi.

Es gibt Museen, die Werke hinzufügen. Und dann gibt es Museen, die Fragen aufwerfen. Das FAMM – Femmes Artistes Musée Mougins gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Das Museum, das aus der Sammlung von Christian Levett hervorgegangen ist, ist das erste in Europa, das sich ausschließlich weiblichen Künstlerinnen widmet, und bietet einen Rundgang, der vom Impressionismus bis zur zeitgenössischen Kunst reicht undrund neunzig Künstlerinnen auf vier Etagen präsentiert.

Die Stärke des FAMM liegt weniger darin, ein mittlerweile allgemein anerkanntes Prinzip zu bekräftigen – nämlich die Notwendigkeit, vielen Künstlerinnen, die am Rande der offiziellen Geschichtsschreibung geblieben sind, wieder Sichtbarkeit zu verschaffen –, als vielmehr darin, einen Zweifel aufkommen zu lassen.

Wenn man durch die Säle schlendert und Werke von Carla Accardi, Dadamaino, Ana Mendieta, Sarah Lucas, Tracey Emin und vielen anderen betrachtet, überkommt einen oft ein überraschendes Gefühl. Und vor einigen Werken fragt man sich spontan: Wer hat wen beeinflusst? Ob es sich nun um eine Lebensgefährtin oder nur um eine Weggefährtin handelt – diese Frage hallt während des gesamten Besuchs nach.

Das FAMM in Mougins. Foto: FAMM
Das FAMM in Mougins. Foto: FAMM
Das FAMM in Mougins. Foto: FAMM
Das FAMM in Mougins. Foto: FAMM

Jahrzehntelang waren wir daran gewöhnt, die Kunstgeschichte anhand des Namens des männlichen Künstlers zu lesen, während die Lebensgefährtin, die Ehefrau oder die Kollegin im Hintergrund blieb. Doch wenn man diese Werke nacheinander betrachtet, drängt sich fast unweigerlich der Zweifel auf: Sind wir sicher, dass sie es waren, die in die Fußstapfen ihrer berühmteren Partner getreten sind? Oder war es nicht, zumindest in einigen Fällen, auch umgekehrt?

Das FAMM erhebt nicht den Anspruch, die Geschichte gewaltsam neuzuschreiben. Es tut etwas Klügeres: Es versetzt die Werke endlich in die Lage, miteinander in Dialog zu treten, und befreit sie so von den in der Geschichtsschreibung verfestigten Vorurteilen. Es ist eine Erfahrung, die einen merkwürdigen visuellen Kurzschluss hervorruft. Man steht vor Werken, die den Ausdrucksformen zu gehören scheinen, die seit jeher den großen männlichen Protagonisten des 20. Jahrhunderts zugeschrieben werden. Nur dass hier die Entstehungsdaten, die Forschungsergebnisse und die Qualität der Werke den Besucher dazu zwingen, seine Gewissheiten zu hinterfragen. In diesem Sinne ist das FAMM kein „militantes“ Museum: Es ist einfach ein Museum, das die direkte Betrachtung der Werke wieder in den Mittelpunkt rückt. Und das ist vielleicht seine wichtigste Eigenschaft.

Man verlässt das Museum nicht mit der Vorstellung, dass die Kunstgeschichte auf den Kopf gestellt werden müsse: Man verlässt es mit dem Bewusstsein, dass sie wahrscheinlich unvollständig erzählt wurde. In einer Zeit, in der viele Museen versuchen, durch identitätsstiftende Slogans oder spektakuläre Inszenierungen zeitgemäß zu wirken, wählt das FAMM einen schwierigeren Weg: Es lässt die Werke für sich sprechen. Und wenn das geschieht, ist das Ergebnis überraschend.



Luca Rossi

Der Autor dieses Artikels: Luca Rossi

“Luca Rossi" è un nome di fantasia in cui idealmente convergono tutti i ruoli del sistema dell'arte: artista, critico, curatore, blogger e osservatore indipendente. È stato definito da Fabio Cavallucci “la personalità artistica più interessante d'Italia”. Dal 2009, “Luca Rossi”, collettivo aperto e figura controversa nel sistema artistico, cerca di stimolare quotidianamente un dibattito più critico nell'ambito dell'arte contemporanea, intesa come materia capace di rivestire un ruolo fondamentale nel nostro presente. Dalle sue riflessioni critiche, ampiamente diffuse, sue le definizioni di “Ikea evoluta”, “Sindrome del Giovane Indiana Jones” e “Nonni Genitori Foundation”, è nato un progetto artistico non convenzionale, che comprende anche attività di divulgazione e formazione, culminate nel 2016 con la creazione della Luca Rossi Art Academy & Coaching (documenta.live). Nel febbraio 2026, un Hidden Work di Luca Rossi è entrato nel nuovo percorso espositivo di Osteria Francescana di Massimo Bottura, segnando un ulteriore sviluppo del progetto e della ricerca intorno agli Hidden Works. Nel 2014 Giacinto Di Pietrantonio, in un’intervista, definì Luca Rossi la promessa futura dell'arte contemporanea, paragonandolo a ciò che Vanessa Beecroft avrebbe potuto essere negli anni Novanta. Alcuni “nodi critici” sviluppati nel corso degli anni da Luca Rossi sono entrati a far parte del linguaggio dell'arte italiana e hanno contribuito a cambiare la prospettiva e la visione di molte persone, dentro e fuori il settore. Nel 2014, la celebre critica d'arte Angela Vettese dichiarò che, dopo aver letto i testi di Luca Rossi, aveva deciso di non dedicarsi più alla pratica artistica, ma esclusivamente alla teoria.


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