Ein etwa zweitausend Jahre altes jüdisches Ritualbad, das vier Meter breit ist und 25 Tonnen wiegt, wurde unversehrt aus dem Untergrund von Kiryat Gat im Süden Israels geborgen. Um es zu bewegen, war ein Kran mit einer Tragkraft von 300 Tonnen erforderlich, während der Transport zum Lagerort in Beit Guvrin die vorübergehende Sperrung der Straße und den Einsatz von Begleitfahrzeugen erforderte. Die komplexe Operation diente jedoch nicht nur der Erhaltung eines archäologischen Fundstücks. Die Mikwe, das Bad zur rituellen Reinigung im Judentum, ist nämlich eines der wichtigsten Fundstücke einer Ausgrabung, bei der eine jüdische Siedlung aus der Zeit des Zweiten Tempels (515 v. Chr. – 70 n. Chr.), in einem Gebiet, in dem die Existenz einer solchen Siedlung bislang nicht dokumentiert war.
Der Fund erfolgte im Stadtteil Carmei Gat im Rahmen einer archäologischen Ausgrabung, die von der israelischen Altertumsbehörde im Vorfeld von Bauarbeiten durchgeführt wurde, während die Untersuchungen von der israelischen Landbehörde finanziert wurden, die im Rahmen der Rettungsgrabungen Kosten in Höhe von etwa 28 Millionen Schekel (etwa 8 Millionen Euro) im Rahmen der Rettungsgrabungen. Mit dem Fortschreiten der Bauarbeiten stellte sich daher die Frage, wie die antike Struktur geschützt werden könne, ohne sie zu zerstören oder abzubauen, und die Lösung bestand darin, die Mikwe vorübergehend in ihrer Gesamtheit zu verlegen, woraufhin die Anlage nach Abschluss der Arbeiten in das Gebiet von Carmei Gat zurückkehren und an einem öffentlichen Ort unter freiem Himmel im Herzen des neuen Stadtviertels ihren Platz finden soll.
Der Fund ist besonders bedeutsam, da er den Wissensstand über die antike jüdische Präsenz in diesem Teil des Landes verändert. „Die jüdische Siedlung, die wir hier entdeckt haben, ist die erste und einzige, die in diesem Gebiet bekannt ist“, erklärten Elena Kogan-Zahavi, Maayan Margulis und Shira Lifshitz, die die Ausgrabung im Auftrag der israelischen Altertumsbehörde leiteten. „In den Ebenen Judäas sind viele jüdische Siedlungen aus der Römerzeit bekannt, aber im Grenzgebiet zwischen den Ebenen Judäas und dem nördlichen Negev war bisher keine jüdische Siedlung bekannt.“
Auch andere bei der Ausgrabung gefundene Fundstücke stützen diese Interpretation: Dazu gehören Messgefäße aus Stein, Gegenstände, die im Judentum der Zeit des Zweiten Tempels weit verbreitet waren, da sie als nicht der rituellen Unreinheit unterliegend galten. Die Funde deuten zudem darauf hin, dass die Siedlung keine lange Kontinuität aufwies: den Ausgrabungsdaten zufolge soll sie im Zuge des Bar-Kochba-Aufstands im 2. Jahrhundert n. Chr. verlassen worden sein. Das Gebiet wurde dann etwa fünf Jahrhunderte später, in byzantinischer Zeit, wieder besiedelt, allerdings mit einer anderen Bevölkerungszusammensetzung.
Die Verlegung der Mikwe stellte ihrerseits eine Konservierungsmaßnahme dar, die von Archäologen als außergewöhnlich bezeichnet wurde. Die im Boden vergrabene Struktur wurde etwa zwei Wochen lang von vier Konservatoren der Abteilung für Denkmalpflege der israelischen Altertumsbehörde vorbereitet: So bestand der erste Schritt darin, den gesamten Umfang freizulegen, bis alle Seiten der Struktur zugänglich waren. Das Hauptproblem bestand jedoch darin, die Mikwe vom Boden zu trennen, ohne Verformungen oder Brüche zu verursachen, dazu wurden zahlreiche Bohrungen unterhalb der Struktur vorgenommen, durch die Stahlträger eingeführt wurden, die eine Art provisorische Stütze bildeten und es ermöglichten, das Becken zu verstärken und vom Boden zu lösen. Besondere Aufmerksamkeit galt dem antiken Putz, der die Wände bedeckt: Die durch das Anheben und vor allem durch den anschließenden Transport verursachten Vibrationen hätten zu seiner Ablösung führen können; daher wurde der Putz mit Gaze und Klebebändern abgedeckt, während die gesamte Konstruktion mit Schaumstoff umwickelt und verstärkt wurde, um sie vor Stößen und Schwingungen zu schützen.
An dieser Stelle kam der Kran zum Einsatz (der Abstand zwischen dem Aufstellort und der Position der Mikwe machte den Einsatz eines Fahrzeugs normaler Größe unmöglich): Ein 300-Tonnen-Kran wurde verwendet, um die Konstruktion anzuheben, die, wie eingangs erwähnt, etwa 25 Tonnen wiegt. Auch die Abmessungen des etwa vier Meter breiten Beckens erforderten ein Fahrzeug für den Transport von Sonderladungen. Die Fahrt zum Lagerort in Beit Guvrin stellte eine weitere heikle Phase dar: Die Straße wurde für den Verkehr gesperrt, um die Durchfahrt des Fahrzeugs zu ermöglichen, das die Mikwe transportierte und von Begleitfahrzeugen eskortiert wurde. „Sobald man eine Konstruktion wie diese angehoben hat, gibt es kein Zurück mehr“, erklärte Eyal Kaho, leitender Konservator der israelischen Altertumsbehörde und Leiter der Operation. „Sollte sie einstürzen, hätten wir die Mikwe verloren. Daher muss jedes Detail im Voraus bedacht werden. Am Tag vor einer solchen Aktion schläft man nicht. Man steht unter Druck, denn die Verantwortung liegt ganz bei uns, und Fehler lassen sich einfach durch keinen Geldbetrag ausgleichen. Selbst nach 36 Jahren bei der israelischen Altertumsbehörde steigt jedes Mal wieder der Adrenalinspiegel.“
„Es ist immer ein großes Erlebnis“, erklärte Avital Kotzer Adari, Direktorin des israelischen Nationalen Fremdenverkehrsamts in Mailand, „mit der Geschichte in Berührung zu kommen, die von einer jahrtausendealten Tradition zeugt und ein Symbol der jüdischen Zivilisation und Kultur ist. In Israel wandelt man jeden Tag auf den Spuren der Geschichte und begegnet dabei verschiedenen Religionen und Kulturen, die miteinander koexistieren – nicht nur in Museen, sondern auch in den Städten und Nationalparks. Auch in Italien kann man diese alte jüdische Tradition entdecken, indem man einige Mikwe-Beispiele wie die in Syrakus, Palermo, Ostia und Trani besucht“.
Der Begriff „Mikwe“ bedeutet wörtlich „Wassersammelbecken“: Es handelt sich um ein Becken, das mit natürlichem Wasser gespeist wird und der rituellen Reinigung dient. Die Praxis des Untertauchens hat uralte Wurzeln und begleitet die Geschichte des Judentums seit Jahrtausenden (die rituelle Reinheit entspricht im jüdischen Kontext nämlich nicht der Körperpflege: Sie betrifft vielmehr einen durch das religiöse Gesetz geregelten Zustand, der für bestimmte Handlungen des Gemeinschafts- und Kultlebens erforderlich ist). Während der Zeit des Zweiten Tempels waren diese Becken in verschiedenen Gebieten des Landes Israel verbreitet: Zahlreiche Beispiele wurden vor allem in Jerusalem, in Judäa, in Galiläa und in Qumran gefunden. Ihr Vorkommen kann für die Archäologie von besonderer Bedeutung sein, da es zusammen mit anderen Elementen dazu beiträgt, die Existenz gläubiger jüdischer Gemeinschaften nachzuweisen. Die Mikwe wurden in der Regel durch das Aushöhlen eines Beckens im Fels angelegt und verfügten über eine Treppe, um schrittweise ins Wasser hinabsteigen zu können; die religiösen Vorschriften legen genaue Bedingungen für ihre Nutzbarkeit fest, die auch mit der Menge und der Herkunft des Wassers zusammenhängen, das natürlich sein muss, wie beispielsweise Regen- oder Quellwasser. Die Funktion der Mikwe ist auch im heutigen Judentum lebendig geblieben: Das rituelle Untertauchen kann verschiedene Momente des religiösen Lebens begleiten, darunter die Konversion, bestimmte Feiertage, die Hochzeit und die Einhaltung der Vorschriften zum Familienleben.
Im Fall von Kiryat Gat liegt der Wert des Fundes daher auch in der Möglichkeit, anhand einer konkreten Struktur die Spuren einer Gemeinschaft zu erkennen, die dieses Gebiet vor etwa zweitausend Jahren bewohnte. Die Tatsache, dass die Mikwe geborgen wurde, ohne sie zu zerlegen, ermöglicht es zudem, ihre ursprüngliche Gestalt zu bewahren und sie nach Abschluss der Arbeiten wieder in den öffentlichen Kontext zu integrieren, für den sie vorgesehen ist. Das Bauwerk wird somit an den Ort zurückkehren, an dem es entdeckt wurde – diesmal nicht mehr im Boden vergraben, sondern für Besucher sichtbar als materielles Zeugnis einer Siedlung, die den Wissenschaftlern bis heute unbekannt war.
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| Israel: Ein 2.000 Jahre altes, 25 Tonnen schweres jüdisches Ritualbad wurde entdeckt. Es wurde mit einem Kran versetzt. |
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