In Arezzo wird die Geschichte des Heiligen Franziskus und seines kulturellen, künstlerischen und spirituellen Erbes um ein neues Kapitel bereichert. Im Rahmen der Feierlichkeiten zum 800. Todestag des Heiligen bietet die Regionaldirektion der Nationalmuseen der Toskana des Kulturministeriums zwei eng miteinander verbundene Initiativen an, die es ermöglichen, die Figur des Franziskus anhand von Reliquien, Kunstwerken und Zeugnissen der franziskanischen Tradition neu zu entdecken.
Der erste Termin ist für Montag, den 12. Oktober 2026, um 11 Uhr angesetzt. Dann wird die Basilika des Heiligen Franziskus erstmals der Öffentlichkeit eine Sammlung von sieben Reliquien präsentieren, die bisher im angrenzenden Kloster aufbewahrt wurden. Die Objekte werden dauerhaft in der Kapelle des Heiligen Antonius und in der Kapelle des Heiligen Benedikt ausgestellt. Am Mittwoch, dem 14. Oktober, um 17.30 Uhr wird der Rundgang im Nationalmuseum für mittelalterliche und moderne Kunst in Arezzo mit der Eröffnung der Sonderausstellung „San Francesco: Ein Gast im Museum aus der Nationalgalerie von Siena“, die vom 15. Oktober 2026 bis zum 10. Januar 2027 zu sehen ist. Im Mittelpunkt stehen zwei wertvolle Tafelbilder von Margarito d’Arezzo, die zu den ältesten bekannten Darstellungen des Heiligen zählen, obwohl sie erst nach seinem Tod entstanden sind.
Die neue Gestaltung der Basilika entstand in Zusammenarbeit mit den Minoriten von Arezzo und mit Unterstützung der Misericordia von Arezzo. Ziel ist es, die Reliquien in direkten Zusammenhang mit der Geschichte und den großen Meisterwerken der Kirche zu bringen, angefangen bei den Fresken der „Leggenda della Vera Croce“ von Piero della Francesca. Die sieben Reliquienbehälter haben nicht nur einen religiösen und devotionalen Wert: Sie sind auch wichtige Zeugnisse der Geschichte der angewandten Künste, denn der Reliquienbehälter dient nicht nur der Aufbewahrung einer Reliquie, sondern wurde traditionell auch dazu konzipiert, deren Kostbarkeit sichtbar und wahrnehmbar zu machen. Der Rundgang ermöglicht es somit, die Entwicklung des Geschmacks anhand sehr unterschiedlicher Formen nachzuvollziehen: von den spektakulären und üppigen Lösungen des Rokoko, die darauf ausgelegt waren, den Blick auf sich zu ziehen, bis hin zu den strengeren neugotischen Reliquienbehältern des späten 19. Jahrhunderts, die von der mittelalterlichen Architektur inspiriert waren.
In der Kapelle des Heiligen Antonius befinden sich zwei besonders bedeutende Zeugnisse, die in direktem Zusammenhang mit dem Andenken an den Heiligen Franz von Assisi stehen. Das erste ist ein Reliquiar aus Messing aus dem Jahr 1901, das wie ein kleiner gotischer Tempel gestaltet ist. In seinem Inneren werden eine Schale aufbewahrt, die der Überlieferung zufolge vom Heiligen für seine täglichen Mahlzeiten verwendet worden sein soll, ein Teil seines „Cingolo“, also des Bandes, mit dem er seine Kutte zusammenband, sowie eine Ampulle mit seinem Blut, die mit den Stigmata in Verbindung steht, die er 1224 auf dem Monte La Verna empfangen hatte. Neben dem Reliquiar ist ein einfacher, kürzlich angefertigter Holzrahmen ausgestellt, der beide Seiten einer illuminierten Pergamentseite zeigt, die auf die ersten Jahrzehnte des 13. Jahrhunderts datiert werden kann. Seine sehr kompakten Maße zeugen davon, dass es sich um ein Handschriftenformat im Taschenformat handelte, das zum Beten auf Reisen bestimmt war und traditionell mit dem persönlichen Gebrauch des heiligen Franziskus in Verbindung gebracht wird. Der Text widmet sich einigen Episoden aus dem Leben von Papst Silvester (285–335), der der Überlieferung nach als Hauptakteur der Bekehrung und Taufe des Kaisers Konstantin (274–337) gilt. Dieser Bezug stellt eine besondere Verbindung zum Zyklus der „Legende vom Wahren Kreuz“ von Piero della Francesca her, in dem Konstantin und seine Mutter Helena, der die Auffindung des Kreuzes in Jerusalem zugeschrieben wird, eine zentrale Rolle spielen.
In der Kapelle des Heiligen Benedikt sind hingegen fünf weitere Zeugnisse aus der Geschichte und Hagiographie des Franziskus versammelt. Das erste ist ein Reliquiar in Form eines kleinen Tempels aus Messing, das Ende des 19. Jahrhunderts im neugotischen Stil angefertigt wurde. Es ist mit kleinen Statuen der Madonna, des heiligen Petrus und des heiligen Paulus verziert und bewahrt eine Ampulle mit Haut- und Haarfetzen des heiligen Antonius von Padua (1195–1231), eines Zeitgenossen von Franziskus, auf. Im Jahr 1220 verließ Antonius nämlich den Augustinerorden, um sich den Minderbrüdern anzuschließen. Dem heiligen Antonius ist eine der Kapellen der Basilika gewidmet, die mit Fresken von Lorentino d’Andrea (um 1430 – 1506), einem Mitarbeiter von Piero della Francesca, geschmückt ist.
Der zweite Reliquienschrein bewahrt einen Teil des Gürtels des heiligen Josef von Copertino (1603–1663) auf, jenes traditionelle franziskanische Band aus weißer Wolle, das durch drei Knoten gekennzeichnet ist. Der Ordensbruder ist auf dem großen Gemälde eines unbekannten Künstlers mit dem Titel „Der heilige Josef von Copertino verehrt das Kreuz“ zu sehen, das in der Sakristei des an die Basilika angeschlossenen Klosters aufbewahrt wird und auf die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts datiert wird. Die Reliquie befindet sich in einer eleganten Monstranz aus getriebenem und versilbertem Messing, die mit einem reich verzierten Rokoko-Strahlenkranz geschmückt ist, der auf ihre Entstehung im 18. Jahrhundert hinweist.
Die dritte ist die einzige körperliche Reliquie: Es handelt sich um einen Finger, der durch die Inschrift „Digitus Danielis Prophetae“ als dem Propheten Daniel gehörend identifiziert wird. Er wird in einem Reliquiar aus dem 19. Jahrhundert aufbewahrt, das aus mit Blattgold vergoldetem Holz gefertigt und reich verziert ist. Der Überlieferung zufolge soll die Reliquie, die auf das 6. Jahrhundert v. Chr. zurückgehen soll, in Persien vom seligen Benedikt Sinigardi (1190–1282) gefunden worden sein, einem der ersten Franziskaner, der lange Zeit im Nahen Osten verbrachte. Der aus Arezzo stammende Sinigardi trat dem Orden bei, nachdem er in seiner Heimatstadt eine Predigt des heiligen Franziskus gehört hatte. Seine sterblichen Überreste werden in der Basilika in einem Sarkophag an der rechten Wand des Kirchenschiffs aufbewahrt.
Den Rundgang vervollständigen schließlich zwei Staurotheken, Reliquienschreine, die dazu bestimmt sind, Fragmente des Kreuzes aufzubewahren. Obwohl sie streng genommen nicht zur franziskanischen Tradition gehören, verweist ihr Inhalt auf einen der Kernpunkte der Spiritualität des Franziskus: die Passion Christi und die Beziehung zum Opfer, die 1224 auf der La Verna in den Stigmata gipfelte und dazu beitrug, ihn als „Alter Christus“ zu definieren.
Die Ausstellung wurde von Stampa in Stampa auf der Grundlage des Entwurfs der Architekten Rossella Sileno und Raffaele Fuschino von der Regionaldirektion der Nationalmuseen der Toskana realisiert.
Die Idee geht auf das Jahr 2014 zurück, als die kürzlich verstorbene Kunsthistorikerin Paola Refice Direktorin der Basilika war. Das Projekt greift die ursprüngliche Idee des Architekten Andrea Gori von der Regionaldirektion der Nationalmuseen der Toskana auf und entwickelt sie durch eine präzise Farbwahl weiter: ein dunkles, intensives und leuchtendes Rot, das als Anspielung auf Blut und Opfer gedacht ist.
Der zweite Termin des Programms ist hingegen der künstlerischen Darstellung des Heiligen gewidmet. Vom 15. Oktober 2026 bis zum 10. Januar 2027 beherbergt das Nationalmuseum für mittelalterliche und moderne Kunst in Arezzo die Sonderausstellung „San Francesco: ein Gast im Museum“ aus der Pinacoteca Nazionale in Siena. Die Ausstellung stellt zwei wertvolle Tafelbilder von Margarito d’Arezzo gegenüber, die zu den ältesten bekannten gemalten Darstellungen des Heiligen Franziskus zählen. Obwohl es sich um posthume Werke handelt, vermitteln sie eine der archaischsten Darstellungen des Heiligen und bewahren dessen spirituelle Kraft unverfälscht.
Franziskus, seit 1939 Schutzpatron Italiens, ist im Laufe der Jahrhunderte zu einem universellen Symbol für Frieden, Brüderlichkeit und Liebe zur Schöpfung geworden. Die Ausstellung ermöglicht es, zu beobachten, wie sein Bild bereits in den Jahrzehnten unmittelbar nach seiner Heiligsprechung konstruiert und vermittelt wurde. Die Initiative knüpft zeitlich und thematisch an die Ausstellung „L’Immagine di Francesco. Dal Medioevo al Novecento“ (Das Bildnis des Franziskus. Vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert) an, die vom 4. Oktober 2026 bis zum 10. Januar 2027 in Arezzo in der Städtischen Galerie für moderne und zeitgenössische Kunst sowie in der Kirche Sant’Ignazio zu sehen sein wird. Das Projekt wird in Zusammenarbeit mit der Pinacoteca Nazionale di Siena und der Fondazione Guido d’Arezzo sowie mit Unterstützung der Stadt Arezzo und der Fondazione CR Firenze realisiert.
Das Museo Nazionale d’Arte Medievale e Moderna hat zur städtischen Ausstellung beigetragen, indem es den „San Francesco“ von Margarito d’Arezzo aus der dem Kloster von Sargiano in Arezzo angegliederten Kirche als Leihgabe zur Verfügung stellte; dieses Werk wurde zudem als offizielles Bild für die Kommunikation der Initiative ausgewählt. Die Ausstellung in Form eines Dossiers ermöglicht es nun, dieses Tafelbild mit dem „San Francesco“ aus der Kirche des Klosters Ganghereto in der Nähe von Terranuova Bracciolini, das sich derzeit im Depot der Diözese Arezzo-Cortona-Sansepolcro befindet, sowie mit dem in der Pinacoteca Nazionale di Siena aufbewahrten Gemälde zu vergleichen. Die drei Werke weisen sowohl aus ikonografischer als auch aus technischer Sicht zahlreiche Gemeinsamkeiten auf.
Margarito d’Arezzo gilt als der älteste Maler aus Arezzo, dessen Name bekannt ist, und als einer der ersten italienischen Künstler, deren Werke signiert überliefert sind. Vor allem aber ist er der produktivste und wiedererkennbarste unter den Künstlern, die den Heiligen Franziskus im 13. Jahrhundert, wenige Jahre nach seiner Heiligsprechung im Jahr 1228, darstellten. Heute sind sieben Tafelbilder bekannt, die den Heiligen Franziskus zeigen. Sechs davon tragen am Fuß der Figur die Inschrift „MARGARITUS DE ARETIO ME FECIT“ und gelten in der Kunstkritik als eigenhändige Werke von Margarito, die teilweise unter Mitwirkung seiner Werkstatt entstanden sind. Die Tafeln, deren Höhe zwischen 129,5 und 95 Zentimetern liegt, folgen einem sehr ähnlichen ikonografischen Schema: Franziskus erscheint stehend und in voller Figur, in eine Kutte gehüllt und mit einer Kapuze auf dem Kopf. Ein Bein ist leicht angewinkelt, während er in der linken Hand das Evangelium hält. Die rechte Hand zeigt die Handfläche mit den Stigmata von La Verna oder in einigen Fällen ein Prozessionskreuz.
Unter den sieben Tafeln gilt jene aus der dem Kloster San Francesco in Ganghereto bei Terranuova Bracciolini angegliederten Kirche heute als die älteste. Ihre Entstehung wird auf das vierte bis fünfte Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts datiert.
Das Kloster von Ganghereto gehört zu den ersten vom Franziskanerorden gegründeten Niederlassungen und soll der Überlieferung zufolge an der Stelle entstanden sein, an der Giovanni di Pietro di Bernardone, der spätere Franz von Assisi, auf seinem Weg von Arezzo nach Florenz eine wundersame Quelle entspringen ließ. Auf dem Gemälde ist Franziskus in voller Figur dargestellt, ohne Heiligenschein, mit der rechten Hand, die von den Stigmata gezeichnet ist, und dem geschlossenen Evangelium in der linken Hand. Besonders interessant ist die Kordel, die seine Taille umgibt: Sie weist vier Knoten auf, anstatt der drei, die traditionell mit der franziskanischen Tradition verbunden sind – ein Detail, das möglicherweise mit einem speziellen Wunsch des Auftraggebers zusammenhängt. Am unteren Rand erscheint die Inschrift „MARGARITUS DE ARETIO ME FECIT“, die als Signatur des Künstlers gilt, während an den Seiten des Kopfes vertikal „SANCTUS FRANCISCUS“ zu lesen ist. Die Beliebtheit dieses Bildnisses zeugt von der Verbreitung des Franziskanerkults im Gebiet um Arezzo. Die Bettelorden spielten nämlich eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der lokalen Kunstkultur: Ende des 13. Jahrhunderts gab es elf Franziskanerklöster in Arezzo und Umgebung.
Der wahrscheinlich aus derselben Zeit stammende „San Francesco“ in der Pinacoteca Nazionale in Siena weist zahlreiche Ähnlichkeiten mit dem Tafelbild von Ganghereto auf. Beide Gemälde zeichnen sich durch die Schlichtheit der Komposition und eine zurückhaltende Farbpalette aus – Elemente, die an das Ideal der Armut erinnern, das mit dem Gründer des Franziskanerordens verbunden ist. Die „Formula vitae“, also die erste franziskanische Regel, wurde um 1209 von Papst Innozenz III. genehmigt. Franziskus wird mit einem Habit aus grobem Stoff und der traditionellen Kordel mit drei Knoten dargestellt, die im Allgemeinen als Verweis auf die Gelübde der Armut, Keuschheit und des Gehorsams interpretiert werden – die in der Regel genannten evangelischen Räte. Auch in technischer und ikonografischer Hinsicht weisen die beiden Werke zahlreiche Gemeinsamkeiten auf. Die Figuren nehmen ähnliche Posen ein und stehen in einem vergleichbaren Verhältnis zum umgebenden Raum; zudem stimmen die Stellung der Füße und die Handgesten überein. Selbst die Gesichter weisen nahezu identische Merkmale auf, mit dem gleichen Oval, der Tonsur und den schmalen, schlichten Gesichtszügen.
Die Ausstellung mit Begleitheft stellt zudem einen Anhang zum Margarito Research Project dar, einer internationalen und multidisziplinären Initiative, die 2022 ins Leben gerufen wurde, um die Malerei und die von Margarito d’Arezzo verwendeten Techniken eingehender zu untersuchen. An dem Projekt waren das Museo Nazionale d’Arte Medievale e Moderna in Arezzo, die National Gallery in London, die National Gallery of Art in Washington, die Scuola Universitaria Professionale della Svizzera Italiana (SUPSI), der Consiglio Nazionale delle Ricerche (CNR) sowie weitere Forschungseinrichtungen beteiligt. Begleitet wird die Ausstellung schließlich von einem öffentlichen Programm mit Veranstaltungen und Vertiefungen, das darauf abzielt, die in der Forschung behandelten Themen weiterzuentwickeln und der Öffentlichkeit den historischen, künstlerischen und dokumentarischen Wert der in Arezzo versammelten Werke näherzubringen.
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| Der heilige Franziskus in Arezzo: Sieben Reliquienschreine und die alten Porträts von Margarito erzählen die Geschichte des Heiligen |
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