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Eine bisher unbekannte Zeichnung von Canaletto taucht nach Jahrhunderten wieder auf: Sie wird versteigert

von Redazione 16/10/2026

Kategorien: Antike Kunst / Haftungsausschluss


Ein „Capriccio“ von Canaletto – eine imaginäre Ansicht von Ruinen, Brücken und Bauwerken am Wasser, die bislang in der Literatur über den Künstler unerwähnt geblieben ist – wird am 21. Oktober bei Mallams in Oxford versteigert. Der Schätzpreis liegt bei 40.000 bis 60.000 Pfund.

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Eine Holzbrücke überspannt einen Wasserlauf und verbindet die Ufer einer imaginären Landschaft, die von einem verfallenen Renaissance-Bogen und einem Pavillon geprägt ist. Nicht weit davon entfernt ist ein runder Turm zu erkennen, während ein Boot einen in einen Umhang gehüllten Mann und einen Gondoliere befördert. Es ist eine Szene, die weit entfernt ist von den berühmten Ansichten Venedigs, mit denen Giovanni Antonio Canal, genannt Canaletto (Venedig, 1697–1768), in das kollektive Bewusstsein eingegangen ist. Und doch könnte gerade diese fantastische Komposition, eine mit Feder und brauner Tinte angefertigte Zeichnung, dazu beitragen, einen bedeutenden Teil des Schaffens des venezianischen Malers besser zu verstehen: die „architektonischen Capricci“, Werke, in denen Gebäude, Ruinen und Landschaften frei kombiniert werden, ohne dass ein realer Ort wiedergegeben werden muss.

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Das betreffende Blatt, das bislang in der Literatur über den Künstler noch nie erwähnt wurde, wird am 21. Oktober vom Auktionshaus Mallams in Oxford, im Vereinigten Königreich, mit einem Schätzwert zwischen 40.000 und 60.000 Pfund, was etwa 47.000 bis 71.000 Euro entspricht. Das Werk misst 37 mal 53,3 Zentimeter innerhalb des doppelten schwarzen Rahmens, der auf dem italienischen Papier aufgezeichnet ist. Es ist mit Feder und brauner Tinte ausgeführt, mit einer leichten grauen Aquarellierung versehen und weist ein kreisförmiges Wasserzeichen mit einem Bild auf.

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Was die Zeichnung besonders interessant macht, ist nicht nur, dass sie lange Zeit der Öffentlichkeit verborgen blieb: Die Komposition findet nämlich eine genaue Entsprechung in einem in der Fachliteratur bekannten Gemälde von Canaletto, weist jedoch eine Reihe von Unterschieden auf, die darauf hindeuten, dass das Blatt möglicherweise vor der gemalten Version entworfen wurde. Es wird vermutet, dass es sich um eine Vorzeichnung handelt, die möglicherweise angefertigt wurde, um einem Auftraggeber zu zeigen, wie das in Auftrag gegebene Werk aussehen würde. Die Übereinstimmung mit dem Gemälde, das am 8. Dezember 1995 bei Christie’s in London versteigert wurde, wurde im Zuge der Untersuchung des Werks festgestellt. Das Gemälde, das 86,7 mal 96 Zentimeter misst, ist im Standardwerk von William George Constable über Canaletto dokumentiert, das erstmals 1962 erschien und anschließend von John G. Links in den Ausgaben von 1976 und 1989 überarbeitet und aktualisiert wurde. Das Gemälde ist im ersten Band des Katalogs, Tafel 93, abgebildet und im zweiten Band unter der Nummer 511 katalogisiert.

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Canaletto, Capriccio mit Säulengang und verfallenem Pavillon (Feder und braune Tinte, hellgraues Aquarell, doppelte schwarze Konturlinien auf italienischem Papier, kreisförmiges Wasserzeichen mit Bild, 370 x 533 mm)
Canaletto, Capriccio mit Portikus und verfallenem Pavillon (Feder und braune Tinte, hellgraues Aquarell, doppelte schwarze Konturlinien auf italienischem Papier, kreisförmiges Wasserzeichen mit Bild, 370 x 533 mm)

Der Vergleich der beiden Versionen zeigt, wie Canaletto verschiedene Elemente der Szene verändert hat. Der auffälligste Unterschied betrifft das Boot im Vordergrund: In der Zeichnung befindet es sich rechts von der Mitte, parallel zur Bildebene ausgerichtet, und befördert einen Mann mit Umhang sowie einen Gondoliere. Im Gemälde hingegen nimmt das Boot die Mitte der Komposition ein und ist schräg zum Horizont ausgerichtet; auch die stehende männliche Figur hat sich verändert. In der gemalten Version erscheint zudem in der unteren linken Ecke ein zweites, dekoratives Boot, auf dem sich eine orientalische Figur befindet, die einen Sonnenschirm hält – ein Element, das auf der gerade aufgetauchten Zeichnung nicht vorhanden ist. Auch die Architektur und die Figuren, die die Landschaft bevölkern, wurden beim Übergang von der Zeichnung zur Leinwand verändert. Der runde Turm im Hintergrund ist beispielsweise im Gemälde kleiner, und die in der Szene dargestellte Statue hat hier einen Kopf, während sie in der Zeichnung kopflos ist. Zudem weist die Brücke auf der linken Seite in der gemalten Version mehr Stützen auf; außerdem haben sich die Positionen der Frau und des Kindes, die sie überqueren, ebenso wie die des Hundes, der sie begleitet, verändert: Im Gemälde sind die Elemente im Vergleich zur Zeichnung anders angeordnet. Auch der Pavillon auf der rechten Seite weist einige Abweichungen auf: Im Gemälde ist nur eine einzige Statue zu sehen, die jedoch so platziert ist, dass sie aus dem Gebäude herausragt und besser zur Geltung kommt; auch die beiden jungen Männer auf dem Dach unterscheiden sich von denen in der Zeichnung und sind weiter voneinander entfernt.

Gerade diese Unterschiede, in ihrer Gesamtheit betrachtet, stützen die Hypothese, dass das Blatt älter ist als das Gemälde. Laut dem Katalogtext, der dem Werk beiliegt, weist die Zeichnung die Merkmale eines Modells auf, das dazu bestimmt war, dem Auftraggeber das für einen Auftrag erwartete Ergebnis zu veranschaulichen. Es handelt sich jedoch um eine plausible Rekonstruktion, nicht um einen endgültig belegten Sachverhalt. Ein Hinweis zugunsten dieser Interpretation findet sich auf der Rückseite des Blattes, wo eine Inschrift in englischer Sprache zu lesen ist: „a Present from Sig Canal d Canaletti“, also ein Geschenk von Herrn Canal, genannt Canaletti. Der Vermerk scheint darauf hinzudeuten, dass die Zeichnung dem Empfänger des Gemäldes geschenkt wurde. Die Beschreibung sieht keinen Grund, an der Echtheit der Inschrift zu zweifeln, und erinnert daran, dass Canaletto bei anderen Gelegenheiten zwei Versionen derselben Zeichnung anfertigte, wobei er eine behielt und die andere abgab.

Ein bedeutender Präzedenzfall sind die Blätter, die der Maler Joseph Smith, seinem Agenten und Kunsthändler, schenkte. Diese Zeichnungen gelangten 1763 zusammen mit dem größten Teil von Smiths Sammlung in die britische Königliche Sammlung. Sie sind im Katalog von K. T. Parker über die Canaletto-Zeichnungen in der königlichen Sammlung in Windsor Castle dokumentiert, der 1948 in Oxford und London erschien, sowie im Constable-Katalog. Die in der Kartei genannten Referenzen umfassen die Nummern 55, 119, 114, 116 und 117 des Parker-Katalogs sowie die Nummern 552, 732, 745, 749 und 750 des zweiten Bandes von Constable. Alle diese Blätter, bis auf eines, stammen aus der Zeit, die Canaletto in England verbrachte. Der Maler zog im Mai 1746 nach London und blieb dort bis 1755, mit einem achtmonatigen Zwischenaufenthalt in Venedig zwischen 1750 und 1751. Auch die Zeichnung, die in Oxford versteigert werden soll, dürfte aus der Endphase dieses Englandaufenthalts stammen: Die vorgeschlagene Datierung fällt somit in eine Phase, in der Canaletto an zahlreichen fiktiven Kompositionen arbeitete, von denen einige in mehreren Versionen überliefert sind.

Canaletto, „Capriccio mit Säulengang und verfallenem Pavillon“ (Öl auf Leinwand; Privatsammlung)
Canaletto, Capriccio mit Portikus und verfallenem Pavillon (Öl auf Leinwand; Privatsammlung)

Die frühere Provenienz des Gemäldes, das der Zeichnung entspricht, ist hingegen unbekannt. Für das Blatt weist die Auktionsdokumentation auf eine mögliche Zugehörigkeit zu Charles Burney (1726–1814) hin, einem britischen Musikhistoriker, Komponisten und Musiker. Es wird vermutet, dass es später an seinen Sohn Charles Parr Burney (1786–1864), der von 1840 bis 1845 Erzdiakon von St. Albans und von 1845 bis 1864 von Colchester war, und anschließend über die Familien Burney und Comyn an den heutigen Eigentümer weitergegeben worden sein soll. Die Herkunft von Charles Burney wird als möglich, nicht jedoch als sicher angegeben. Das Blatt ist zudem nicht die einzige bekannte gezeichnete Fassung der Komposition: Eine vereinfachte Nachbildung von nahezu identischen Abmessungen war bis zu ihrem Verkauf bei Christie’s in London am 4. Juli 1984 unbekannt geblieben. Auch in diesem Fall betrugen die Maße etwa 36,5 mal 52,5 Zentimeter. Die Zeichnung, die im 1989 von Links überarbeiteten Constable-Katalog und in der 1998 von Links veröffentlichten Beilage abgebildet war, stammte aus der Sammlung von Christopher Head, der 1911 verstorben war (bei dieser Auktion wurden auch eine Zeichnung von Giambattista Tiepolo und zwei von Francesco Guardi angeboten). Die Nachbildung des „Capriccio“ von Canaletto durchlief anschließend weitere Auktionen: Sie wurde am 14. Januar 1992 bei Sotheby’s in New York angeboten, am 5. Juli 1993 bei Sotheby’s in London verkauft und schließlich am 23. November 2001 bei Tajan in Paris versteigert. Der wesentlichste Unterschied zu dem derzeit von Mallams angebotenen Blatt betrifft den Hund auf der Holzbrücke: In der Replik befindet er sich links von der Frau und dem Kind, während er in der zur Versteigerung stehenden Zeichnung eine zentralere Position einnimmt.

Die Existenz mehrerer Versionen bestätigt, dass diese Komposition in Canalettos Schaffen eine gewisse Verbreitung fand. Es sind zahlreiche Varianten bekannt, von denen die meisten – und wahrscheinlich alle – aus den Jahren stammen, die der Künstler in England verbrachte. Der Katalogtext betrachtet diese Szene als eine der gelungensten Erfindungen des Malers in jener Zeit und bezeichnet sie sogar als sein wohl beliebtestes fiktives Motiv. Zu den gemalten Versionen gehören zwei große Gemälde: Das erste ist eine ovale Komposition, die vor Februar 1752 für das Chesterfield House in London angefertigt wurde und sich heute in einer englischen Privatsammlung befindet. Die zweite große Leinwand im quadratischen Format zeigt eine Variante der Komposition mit nur einem Torbogen und befindet sich im Baltimore Museum of Art. Eine weitere, kleinere Version erweitert die Szene nach links durch eine korinthische Säulenreihe, die sich in die Tiefe erstreckt. Das Gemälde, das auf der Rückseite als signiert und mit 1754 datiert verzeichnet ist, wurde am 30. Mai 1991 bei Sotheby’s in New York zum Verkauf angeboten. Eine Replik wurde am 29. Januar 1998 bei Christie’s in New York verkauft; sie stammte aus dem Besitz von Helen E. Abell aus Kentucky. Ihre Maße betrugen 50,2 mal 83 Zentimeter.

Schließlich existiert eine fertige, wahrscheinlich signierte Zeichnung, in der die Bögen im zentralen Teil der Komposition aufwendiger gestaltet und enger beieinander liegen. Das Blatt im Format 30,5 mal 43,8 Zentimeter wurde am 27. Januar 2010 bei Sotheby’s in New York versteigert und ist im Katalog von Constable und Links dokumentiert.

Das Motiv reiht sich in einen Teil von Canalettos Schaffen ein, der heute vielleicht weniger unmittelbar erkennbar ist als seine Stadtansichten, der jedoch eine bedeutende Rolle in seinem Schaffen spielte. Auch wenn das moderne Publikum den Maler vor allem mit Darstellungen von Venedig und London in Verbindung bringt, wird im Auktionskatalog angemerkt, dass Canaletto selbst seinen „Capricci“ möglicherweise einen besonderen Wert beigemessen hat. Diese fantasievollen Kompositionen genossen nämlich hohes Ansehen, insbesondere bei den italienischen Zeitgenossen des Künstlers.

Der „Capriccio“ beschränkt sich nicht darauf, ein bestehendes Gebäude oder eine Landschaft wiederzugeben: In diesem Fall tragen Ruinen aus der Renaissance, ein Pavillon, ein Turm, eine Brücke und verschiedene Figuren dazu bei, einen imaginären Ort zu erschaffen, der durch architektonische Elemente und erzählerische Details gestaltet ist. Der Vergleich der verschiedenen Versionen der Szene ermöglicht es, die vom Maler vorgenommenen Veränderungen nachzuvollziehen und zu beobachten, wie ein und dieselbe Erfindung an unterschiedliche Formate und Lösungen angepasst werden konnte.

Die Echtheit der Zeichnung wurde von Charles Beddington bestätigt, der zu den führenden Canaletto-Forschern zählt. Die Auktion am 21. Oktober in Oxford bringt somit ein Blatt auf den Markt, das bislang in der Canaletto-Bibliografie nicht verzeichnet war und mit einer Komposition in Verbindung steht, von der bereits mehrere gemalte und gezeichnete Varianten bekannt sind. Die Inschrift auf der Rückseite, die Unterschiede zum Gemälde und die mögliche Sammlergeschichte über die Familie Burney bilden die Hauptelemente, um die sich die für dieses Werk vorgeschlagene Rekonstruktion dreht.

Eine bisher unbekannte Zeichnung von Canaletto taucht nach Jahrhunderten wieder auf: Sie wird versteigert
Eine bisher unbekannte Zeichnung von Canaletto taucht nach Jahrhunderten wieder auf: Sie wird versteigert

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