Wenn die Gier nach Besitz versucht, die Geschichte auszulöschen. Die Ausstellung „Gerettete Archäologie“ in Vibo


Im Archäologischen Nationalmuseum von Vibo Valentia erzählt die Ausstellung „Archeologia Salvata“ von der Wiederbeschaffung von Fundstücken, die dem illegalen Handel entzogen wurden. Im Mittelpunkt stehen ein monumentaler apulischer Krater und elf Artefakte, die der Öffentlichkeit zurückgegeben wurden – zusammen mit der Erinnerung an ihre Herkunftsgebiete.

Es gibt eine tiefgreifende Verzerrung in unserer Sichtweise auf Dinge, die wir nicht kennen; sie zeigt sich in unserem Blick auf das kulturelle Erbe und sogar auf zwischenmenschliche Beziehungen: Es ist die Tendenz, deren Bedeutung zu verzerren und sie – insbesondere im Falle von Kunstwerken (dem zentralen Thema unserer Betrachtung) – als Objekte individueller Aneignung statt als Gemeingut zu betrachten. Wenn wir, rein hypothetisch, einen Vergleich anstellen wollen: Wenn wir den Nachthimmel betrachten, verflachen wir die Entfernungen zwischen den Planeten und ignorieren dabei, dass sie zu einem einzigen großen System gehören; parallel dazu verstehen wir Liebe als etwas, das sich auf reines Eigentum reduzieren lässt. So irren wir ahnungslos umher, wie im Universum verstreute Satelliten, stolpern über die Dinge und verstehen ihren Sinn nicht mehr. Doch damit gehen wir auf allen Ebenen ein Risiko ein: Wir laufen Gefahr, die Liebe auf bloßen Besitz zu reduzieren und den tiefen Sinn des Kunstwerks nicht zu erfassen, indem wir es von dem gesellschaftlichen Gefüge isolieren, das ihm Leben gegeben hat, und es auf eine Ware, einen Fetisch oder eine Beute des Schwarzmarktes reduzieren. Der Schutz des Kulturerbes hingegen ist ein ethischer Akt und ein identitätsstiftendes Merkmal einer Zivilisation; er erfordert eine umfassendere Sichtweise und ist weder eine bloße Erhaltungsmaßnahme noch etwas, das auf einen begrenzten oder rein privaten Rahmen beschränkt bleibt.

Große Denker und Kunsthistoriker, von Quatremère de Quincy bis Roberto Longhi, von Bernard Berenson bis Giulio Carlo Argan, haben uns gelehrt, dass Kunst aus derselben Inspiration des Teilens und des historischen Zeugnisses entsteht. Doch gerade dann, wenn die Gier nach Besitz überhandnimmt, hört die Schönheit auf, „Suche“ und „Offenbarung“ zu sein, und verwandelt sich in Beute oder Opfer der Habgier von Schmugglern und Schurken. Die Folgen von Plünderungen und illegalem Handel betreffen nicht nur das Objekt an sich: Sie berauben die gesamte Gemeinschaft ihres Gedächtnisses. Wenn eine apulische Vase, ein großgriechischer Fund oder ein Gemälde der Renaissance – wie das gestohlene Flügelaltarbild von Antonello da Messina – aus ihrem Kontext gerissen werden, verkümmern sie zu stummen Fragmenten. Von Ciceros Anklagen gegen die Gier des Verres über die Plünderungen durch die Nazis bis hin zu den jüngsten Verlusten, die in den Berichten des Kommandos der Carabinieri zum Schutz des Kulturerbes (TPC) dokumentiert sind, bestätigt die Geschichte, wie tragisch aktuell die Wunde der Plünderung nach wie vor ist.

Was bleibt angesichts dieser „Bedrohung“ durch die Plünderungen des Kulturerbes noch zu tun? Sollten wir so handeln wie die Griechen nach der Zerstörung der Akropolis von Athen durch Xerxes und eine weitere „persische Aufschüttung“ in die Wege leiten, sie auf alle Museen und Kirchen ausweiten und Skulpturen, Gemälde und Fundstücke vergraben? Sollten wir die archäologischen Ausgrabungen einstellen und sie schließen? Unsere Schätze vor den Blicken verbergen? Viele angesehene Wissenschaftler haben den Weg schon seit langem vorgezeichnet. Es gilt, durch Forschung, Ausstellungen und staatsbürgerliche Bildung den Menschen den wahren Sinn des künstlerischen Erbes immer stärker bewusst zu machen. Das Kulturgut ist Ausdruck unseres Identitätsgefühls, eine wahre „Schule der Staatsbürgerschaft“, wie Salvatore Settis nachdrücklich betont. Von Ennio Quirino Visconti, der als Erster betonte, dass ein aus seinem Kontext gerissener Fund seine Seele verliert, bis hin zu Alois Riegl, der anprangerte, wie illegale Ausgrabungen den historischen Wert im Namen des reinen ästhetischen Gewinns für immer zerstören, weist der eingeschlagene Weg auf die Bildung eines bürgerlichen Bewusstseins hin. Ein Beispiel dafür ist Augusto Campana, der in seinem Tagebuch „Le pietre di Rimini“ täglich festhielt, wie es ihm gelang, sogar den Bomben des Zweiten Weltkriegs zu trotzen, um die Zeugnisse der Vergangenheit in Sicherheit zu bringen.

Das Thema der „gestohlenen Schönheit“ ist so umfassend, dass es droht, auch uns zu verschlingen. Was sollten wir anderes versuchen, als zu erzählen, zu schützen, wieder zusammenzufügen? Eine konkrete Form der Wiedergutmachung ist möglich. Das beweist „Archeologia Salvata“. Von der Plünderung zur Erinnerung – eine Ausstellung im Nationalen Archäologischen Museum „Vito Capialbi“ im Schloss von Vibo Valentia. Als Ergebnis einer gemeinsamen Initiative des Kulturministeriums, der Aufsichtsbehörde für Archäologie, Bildende Künste und Landschaft der Metropolregion Venedig und des Kommandos der Carabinieri TPC gibt die Ausstellung der Öffentlichkeit Meisterwerke zurück, die dem Schwarzmarkt entzogen wurden. Jedes ausgestellte Stück wird anhand einer doppelten Biografie erzählt: einerseits die antike Geschichte (Herstellung, rituelle Funktion und Ursprungskontext), andererseits die komplexe zeitgenössische Geschichte, bestehend aus illegalen Ausgrabungen, dem Handel auf dem internationalen Schwarzmarkt, strafrechtlichen Ermittlungen, Restaurierungsmaßnahmen und der wissenschaftlichen Rückgabe.

Im Mittelpunkt des Ausstellungsrundgangs steht ein Werk von außergewöhnlichem Wert: ein monumentaler attisch-apulischer Volutenkrater mit rotfiguriger Bemalung (4. Jahrhundert v. Chr.), der mit einer Höhe von gut 150 Zentimetern beeindruckend ist und durch raffinierte Übermalungen in Weiß und Gelb einzigartig wird. Das ikonografische Programm der Keramik ist von der Meisterschaft der Werkstätten in Tarent inspiriert und entfaltet auf dem Gefäßkörper mythische und rituelle Erzählungen von seltener Komplexität: Auf der A-Seite wird eine feierliche Versammlung olympischer Gottheiten dargestellt, mit Zeus, flankiert von Athene, Ares, Aphrodite und Eros, während der mittlere Register durch die rasante Dynamik der Vierergespanne belebt wird, die die Entführung von Persephone durch Hades inszenieren. Auf der B-Seite dominiert hingegen die Darstellung des Naiskos (Grabkapelle im ionischen Stil), um den herum die Opferriten für den Verstorbenen stattfinden – ein charakteristisches Merkmal der prunkvollen Bestattungen der apulischen Elite.

Der apulische Krater mit Maskenmotiven in der Ausstellung „Archeologia salvata“
Der apulische Krater mit Masken in der Ausstellung „Archeologia salvata“. Foto: Regionaldirektion der Nationalmuseen von Kalabrien, Auflösung des Originalfotos mithilfe von KI verbessert

In perfekter Harmonie mit dem Krater sind elf Kunstwerke von feinster Machart ausgestellt, die aus einer Privatsammlung in Venedig stammen. Der Kern umfasst eine monumentale rotfigurige Hydria, eine schwarzfigurige Kylix, eine fein verzierte Lekythos, eine Reihe von Askoi (darunter sticht ein anthropomorphes Exemplar aus Ton und ein seltenes aus Bronze hervor), eine anmutige Figur im tanagrischen Stil und eine zierliche Kore aus Blei.

„Archeologia Salvata“, so erklärte uns der Direktor des Archäologischen Museums von Vibo Valentia, Michele Mazza, „ist eine Ausstellung, die vor allem vom Wert des Denkmalschutzes erzählt. Die ausgestellten Fundstücke sind nicht nur außergewöhnliche Zeugnisse unserer Vergangenheit: Es handelt sich um Kulturgüter, die in vielen Fällen vor Plünderung, illegalem Handel und Zerstreuung bewahrt und dank der Arbeit der Institutionen und der Carabinieri der Einheit zum Schutz des Kulturerbes der Gemeinschaft zurückgegeben wurden. Mit dieser Ausstellung wollten wir zudem die Rolle des Museums von Vibo Valentia als Museum des „Kulturgüterschutzes“ noch stärker hervorheben. Es ist kein Zufall, dass sich die Generaldirektion unter den verschiedenen Möglichkeiten dafür entschieden hat, die in Venedig beschlagnahmten Fundstücke gerade hierher zu uns zu schicken. Außerdem wollte ich diesen Fundstücken, unter denen der monumentale apulische Krater besonders hervorsticht, andere kleine und große Schätze aus dem Heiligtum von Scrimbia, einer der am stärksten von illegalen Aktivitäten betroffenen archäologischen Stätten, zu präsentieren, um zu zeigen, wie es dank des gemeinsamen Engagements der Einheit zum Schutz des Kulturerbes und der Denkmalschutzbehörde gelungen ist, einen Teil dieses immensen archäologischen Erbes wiederzugewinnen. Wir wollten daher auch das zeigen, was normalerweise hinter den Kulissen eines Museums bleibt: die Überwachung des Gebiets, die Ermittlungen, die Beschlagnahmungen, die Bergung, die Untersuchung und die Restaurierung. Schutz bedeutet nämlich, zu verhindern, dass ein Kulturgut endgültig von seiner Geschichte und seinem Kontext getrennt wird.“

„Aber der Schutz“, schließt er, „erhält erst dann seine volle Bedeutung, wenn er zur Aufwertung wird. Ein geborgener Fund darf nicht einfach in ein Lager zurückkehren: Er muss erforscht, erzählt und wieder zugänglich gemacht werden. Im Museum findet dieses Objekt seine Stimme wieder und wird erneut zu einem gemeinsamen Kulturerbe, das Wissen, Identität und Bewusstsein schaffen kann – und dies kann nur durch die Initiierung bedeutender Projekte geschehen, die diese Ziele in den Mittelpunkt stellen, wie wir es mit dem Projekt „Scrimbia 2026“ getan haben, dessen erste Ergebnisse anlässlich dieser Ausstellung präsentiert wurden. Diese Ausstellung möchte daher eine ganz einfache Botschaft vermitteln: Das archäologische Erbe zu bewahren bedeutet, einen Teil unseres kollektiven Gedächtnisses zu bewahren, denn ein Fundstück zu retten bedeutet nicht nur, einen Gegenstand wiederzugewinnen: Es bedeutet, einer Gemeinschaft ein Kapitel ihrer eigenen Geschichte zurückzugeben.“

Die Rückführung des Kraters und der anderen antiken Fundstücke nach Vibo Valentia, das eine der bedeutendsten großgriechischen Sammlungen Italiens beherbergt, ist eine bewusste Entscheidung im Rahmen einer klugen kulturpolitischen Strategie. Anstatt die wiedergewonnenen Kulturgüter ausschließlich in den großen Museen von Rom oder Florenz zu konzentrieren, haben sich die Institutionen dafür entschieden, die Werke den Regionen zurückzugeben, aus denen sie stammen. Denn die tiefste Wunde ist genau diese: Diebstähle und illegale Ausgrabungen entreißen die Werke ihrem Kontext und rauben uns unser „Gedächtnis“. Um auf den Beginn des 19. Jahrhunderts zurückzukommen – nicht zufällig zu einer Zeit, als die Plünderungen zunahmen –, Quatremère de Quincy in seinen „Lettres à Miranda“ gegen die napoleonischen Plünderungen protestierte und daran erinnerte, dass die Werke untrennbar mit ihrem Herkunftsort verbunden sind: Sie aus ihrem Kontext zu reißen bedeutete, ihnen ihre Stimme zu nehmen, sie zum Schweigen zu bringen.

Die Ausstellung in Kalabrien durchbricht somit die Kette des Unrechtmäßigen und heilt eine Wunde, denn ein Kulturgut dem Vergessen des privaten Sammlerwesens zu entziehen, um es der Gemeinschaft zurückzugeben, bedeutet nicht nur, der Illegalität entgegenzuwirken, sondern widersetzt sich auch der Besitzgier, die in diesem Sinne das absolut Böse darstellt.

Stattdessen lässt sich Kunst, genau wie Liebe, weder besitzen noch stehlen: Man teilt sie, man bewahrt sie. Wenn Plünderung, Diebstahl und Enteignung weiterhin fortbestehen, dann nur, weil wir aufgehört haben, das Kulturerbe und die Kunstwerke als unser Eigentum anzuerkennen. Und wenn wir vergessen, wie man sie liebt, verlieren die Werke ihren Glanz, genau wie ferne Planeten, die in der Leere schweben, außerhalb ihrer Umlaufbahn.



Anna de Fazio Siciliano

Der Autor dieses Artikels: Anna de Fazio Siciliano

Anna De Fazio Siciliano è una scrittrice, storica e critica d’arte, docente e redattrice specializzata nella comunicazione e nella divulgazione dell’arte. Nel corso della sua attività didattica ha insegnato Storia dell’arte antica e contemporanea, Estetica e Mercato dell’arte presso istituzioni accademiche. I suoi interessi comprendono la ricerca storico-artistica, la critica d’arte, la progettazione curatoriale e lo studio dei linguaggi dell’arte moderna e contemporanea. Durante il periodo di formazione presso la Galleria Borghese di Roma ha approfondito la diffusione del gusto egizio nell’arte italiana, a partire dalla decorazione della Sala Egizia del museo. A questo ambito di ricerca ha dedicato il volume Il gusto egizio, pubblicato da Pellegrini Editore. È autrice di saggi dedicati all’arte contemporanea e ai suoi protagonisti. La sua produzione comprende inoltre articoli, recensioni, interviste e testi critici per cataloghi e progetti espositivi. Recentemente il Direttore di Palazzo Madama di Torino, il Professore Giovanni Carlo Federico Villa ha presentato al Salone Internazionale del Libro di Torino il suo volume dedicato alla tutela del patrimonio, Diario di bordo Scoppa, Frammenti di un patrimonio perduto, edito da Gangemi International e impreziosito in quarta di copertina da un commento di Salvatore Settis. Ha collaborato sia con contributi online che su cartaceo con riviste specializzate quali «Exibart», «Art e Dossier», «Finestre sull’Arte», affrontando temi legati all’arte antica, moderna e contemporanea, alla tutela del patrimonio culturale e alla presenza femminile nella storia dell’arte. Nel 2015 ha fondato Artpressagency, realtà attiva nei settori dell’ufficio stampa, della comunicazione culturale, della critica d’arte e dell’editing. Attraverso questa attività ha collaborato con musei, fondazioni, archivi, istituzioni culturali, curatori e organizzazioni impegnate nella produzione e nella promozione di mostre ed eventi artistici. È stata inoltre membro del Comitato tecnico-scientifico degli Archives Legales Amedeo Modigliani, del FATA Museum e del GAL delle Terre Locridee dedicando la propria attività alla ricerca, alla comunicazione e alla valorizzazione della figura di Amedeo Modigliani e del patrimonio storico-artistico italiano.


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