Vom 26. September bis zum 8. Februar beherbergen die historischen Säle des Palazzo Pretorio in Certaldo (Florenz) „La materia della vita“, eine neue Einzelausstellung von Antonio Barbieri unter der Kuration von Davide Sarchioni. Das Projekt, das speziell für die mittelalterlichen Räume des ehemaligen Sitzes des Florentiner Vikariats konzipiert wurde, die heute auch der zeitgenössischen Kunst gewidmet sind, setzt sich mit der Beziehung zwischen Materie, Natur, Technologie und skulpturaler Geste auseinander.
Barbieris Forschung geht von der Möglichkeit aus, Phänomene physisch wahrnehmbar zu machen, die sich normalerweise der direkten Erfahrung entziehen: Daten, Algorithmen und unsichtbare Zusammenhänge, die das Wachstum einer Pflanze, die Evolution der Arten und die Organisation der Materie regeln. In dieser Perspektive werden Werkzeuge wie Scanner und Datenerfassungssysteme, Fotogrammetrie, Algorithmen, Modellierung und 3D-Druck Teil des Prozesses, durch den der Künstler die Realität beobachtet, interpretiert und neu verarbeitet.
Der Einsatz von Technologie ersetzt jedoch nicht die handwerkliche Arbeit. Barbieri entwickelt die in der Forschung verwendeten Algorithmen und interpretiert, zerlegt und transformiert sie durch den kreativen Akt. Er modelliert, montiert und bemalt seine Skulpturen von Hand und setzt sich dabei direkt mit den physikalischen Eigenschaften der Materialien auseinander. Die zentrale Rolle der Handarbeit betrifft auch die Arbeitswerkzeuge, von denen einige vom Künstler entsprechend den spezifischen Anforderungen der Werke entworfen oder modifiziert werden.
Aus diesen Verfahren entstehen Wesen, die sich im Grenzbereich zwischen Natur und Künstlichkeit, biologischer Realität und Vorstellungskraft bewegen. Pflanzliche Verzweigungen, Korallen, Mikroorganismen, Fossilien und nicht identifizierbare Wesen bilden formale Bezugspunkte für Skulpturen, die aus einer urzeitlichen Vergangenheit und zugleich aus einer möglichen Zukunftsdimension zu stammen scheinen. Die Werke interpretieren die Regeln und formalen Möglichkeiten der Natur durch einzigartige kreative Prozesse, in denen Entdeckung und Staunen Teil der Arbeit werden.
Der Ausstellungsparcours durchläuft verschiedene Organisationsebenen des Lebendigen, von phylogenetischen Bäumen bis hin zu Strukturen, die aus der Auswertung biologischer Datensätze entstehen. Zu den Kernelementen der Ausstellung zählen die „Chimären“, die aus der Verschmelzung von Elementen verschiedener Organismen entstehen, sowie Werke, die robotische Systeme und generative Prozesse integrieren. Das Werkverzeichnis umfasst bisher unveröffentlichte Arbeiten und ortsspezifische Interventionen, die für die verschiedenen Räume des Palazzo Pretorio geschaffen wurden.
Das Projekt vermittelt somit eine Vorstellung von der Natur als einem sich ständig wandelnden System, in dem Formen, Beziehungen und Transformationen in neue plastische Konfigurationen übersetzt werden können. Im Mittelpunkt der Forschung steht weiterhin die Beziehung zwischen Mensch und Maschine sowie die Möglichkeit, die Bildhauerei im technologischen und digitalen Zeitalter neu zu denken, ohne Innovation und handwerkliches Können voneinander zu trennen. In diesem Sinne werden zeitgenössische Technologien als Werkzeuge betrachtet, die in der Lage sind, den Bereich des Sichtbaren zu erweitern und die Möglichkeiten zu vergrößern, mit denen der Künstler die Form hinterfragen kann. Der Bezug zur Perspektive der Renaissance, die im 15. Jahrhundert die Darstellung des Raums veränderte, dient dazu, den technologischen Wandel in den Kontext einer umfassenden Geschichte der Erkenntnisinstrumente und ihrer Auswirkungen auf die künstlerische Forschung einzuordnen.
„La materia del vita“ fügt sich zudem in das Programm des Palazzo Pretorio ein, der in den letzten Jahren Ausstellungen zur zeitgenössischen Kunst mit Werken von Vincenzo Marsiglia, Thomas Lange, Valentina Palazzari, Oliviero Rainaldi und Alfredo Rapetti Mogol beherbergt hat. Die Ausstellung wird von Exponent in Zusammenarbeit mit der Galerie NM Contemporary – München organisiert, unter der Schirmherrschaft der Gemeinde Certaldo und des Regionalrats der Region Toskana.
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| Certaldo: Antonio Barbieri hinterfragt die Bildhauerei im technologischen und digitalen Zeitalter im Palazzo Pretorio |
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