Hermann Nitsch – Wenn Malerei zur Materie wird: eine Ausstellung im Monferrato


Vom 27. September 2026 bis zum 10. Januar 2027 präsentiert die „La Crescentina“ in Fubine Monferrato (Alessandria) präsentiert rund zwanzig Werke des österreichischen Künstlers, darunter Gemälde, Arbeiten auf Papier, eine rituelle Tunika aus dem Jahr 1973 sowie historische Fotografien von Fabrizio Garghetti.

Vom 27. September 2026 bis zum 10. Januar 2027 zeigt „La Crescentina – Laboratorio per l’Arte“ in Fubine Monferrato in der Provinz Alessandria die Ausstellung „Hermann Nitsch: Aktion und Denken“, die einem der Begründerdes Wiener Aktionismus gewidmet ist. Die Ausstellung wird von Marzia Capannolo kuratiert, mit einem kritischen Beitrag von Lóránd Hegyi und in Zusammenarbeit mit der Galleria Umberto Benappi in Turin. Die Eröffnung findet am Sonntag, dem 27. September, um 16 Uhr statt.

Die Ausstellung vereint etwa zwanzig Werke, darunter großformatige Leinwände, Arbeiten auf Papier und eine rituelle Tunika aus dem Jahr 1973, „Chorhemd aus der 41. Aktion, Prinzendorf“, ergänzt durch eine Reihe historischer Fotografien, die Fabrizio Garghetti während einiger der berühmten Performance-Aktionen von Nitsch aufgenommen hat. Das Projekt konzentriert sich insbesondere auf die malerische und chromatische Dimension des Schaffens des österreichischen Künstlers und stellt einen Zusammenhang zwischen seiner performativen Praxis und der zunehmenden zentralen Bedeutung her, die Farbe und Material dabei einnehmen.

Im Zentrum von Nitschs Schaffen steht das „Theater der Orgien und Mysterien“, konzipiert als Gesamtkunstwerk, in dem das Publikum nicht nur Zuschauer bleibt, sondern an einer weltlichen Liturgie teilnimmt. Blut, Fleisch und Farbe werden symbolisch und materiell eingesetzt, um die Erinnerung an die dionysischen Mythen, das christliche Opfer und die psychoanalytische Katharsis miteinander in Verbindung zu bringen. In diesem Zusammenhang stehen die „Schüttbilder“, Gemälde, die durch das Ausgießen und Verteilen von rotem Pigment auf der Leinwand entstehen und bei denen die farbige Oberfläche die konkrete Spur der Handlung bewahrt.

Hermann Nitsch, Chorhemd aus der 41. Aktion, Prinzendorf (1973; Cuneo, Privatsammlung)
Hermann Nitsch, Chorhemd aus der 41. Aktion, Prinzendorf (1973; Cuneo, Privatsammlung)
Hermann Nitsch, Gemälde aus dem O.M.-Theater (1984; Turin, Privatsammlung). Mit freundlicher Genehmigung der Galleria Umberto Benappi
Hermann Nitsch, Gemälde des O.M. Theaters (1984; Turin, Privatsammlung). Mit freundlicher Genehmigung der Galleria Umberto Benappi
Hermann Nitsch – Malaktion (2012; MART Rovereto) ©️Fabrizio Garghetti
Hermann Nitsch, Malaktion (2012; MART Rovereto) ©️Fabrizio Garghetti

Das Chorhemd von 1973 bildet einen der zentralen Kernpunkte der Ausstellung. Als direktes Zeugnis und Reliquie der sakralen Aktion betrachtet, präsentiert es die Blutspuren als visuelle Substanz und stellt im Ausstellungsparcours eine Art konzeptuelles Bindeglied zur Bildsprache Nitschs dar. Daneben stehen zwei große Leinwände, beide drei Meter breit: das Gemälde „Orgien Mysterien Theater“ von 1984 und das „Schüttbild“ von 1997. In diesen Werken weicht die performative Dringlichkeit der Organisation der Farbe und der Monumentalität des gestischen Farbauftrags.

Ein weiterer Hinweis auf die malerische Reife des Künstlers ist die Leinwand „Ohne Titel“ aus dem Jahr 2002, die sich durch eine direkt auf die Oberfläche aufgetragene Farbmasse aus Dunkelgrün und blutrotem Rot auszeichnet. Die rhythmische Geste der Handlung wird hier in eine malerische Praxis von fast skulpturaler Dimension übersetzt. Auch die Arbeiten auf Papier spielen in diesem Werdegang eine wichtige Rolle und zeigen mit besonderer Unmittelbarkeit die Art und Weise, wie das Pigment gegossen und verteilt wird.

Zu den Arbeiten auf Papier gehört das Werk „Ohne Titel“ aus dem Jahr 2007, Acryl auf Leinwandpapier im Format 100 x 212 Zentimeter, bei dem Blau-, Grün-, Gelb- und Rottöne eine weitläufige Farbfläche bilden. Ebenfalls ausgestellt ist das „Schüttbild auf Papier“ von 2002, Öl auf Papier im Format 100 x 122 Zentimeter, in dem ein roter Farbauftrag mit der Transparenz des Untergrunds kontrastiert und so das Verhältnis zwischen Materialdichte, Licht und malerischem Auftrag hervorhebt.

Hermann Nitsch, Ohne Titel (2006; Turin, Privatsammlung). Mit freundlicher Genehmigung der Galleria Umberto Benappi
Hermann Nitsch, Ohne Titel (2006; Turin, Privatsammlung). Mit freundlicher Genehmigung der Galleria Umberto Benappi
Hermann Nitsch – Domus Jani (1991; Verona) ©️Fabrizio Garghetti
Hermann Nitsch, Domus Jani (1991; Verona) ©️Fabrizio Garghetti
Hermann Nitsch, Schüttbild (1997; Turin, Privatsammlung). Mit freundlicher Genehmigung der Galleria Umberto Benappi
Hermann Nitsch, Schüttbild (1997; Turin, Privatsammlung). Mit freundlicher Genehmigung der Galleria Umberto Benappi

Die Ausstellung stellt zudem eine direkte Verbindung zur Region Monferrato her und bringt Nitschs künstlerisches Schaffen mit den geologischen und farblichen Merkmalen der Landschaft rund um La Crescentina in Beziehung. Das mit dem Wiener Aktionismus assoziierte Rot wird den Brauntönen, den kalkhaltigen Mergeln und den eisenhaltigen Sedimenten der Hügel gegenübergestellt, deren Boden und Sedimentgestein zudem eine charakteristische grau-blaue Farbe aufweisen – das Ergebnis einer jahrtausendelangen Schichtung von Ton, Schluff und Kalkstein.

In dieser Perspektive wird das „Theater der Orgien und Mysterien “ von der rein performativen Dimension auf die Ebene der Landschaft zurückgeführt. Während in Nitschs Werk der menschliche Körper den Ort des Rituals bildet, wird im Monferrato die Erde als Körper gelesen, der durch die landwirtschaftliche Arbeit zyklisch Eingriffen und Transformationen unterzogen wird. Die Leinwände und Papiere werden so zu Oberflächen, auf denen Geste, Materie und Farbe in Beziehung zur umgebenden Landschaft und zur bäuerlichen Kultur gesetzt werden. Die Ausstellung präsentiert daher die „Erdverbundenheit“ als zentrales Element von Nitschs Schaffen und stellt eine Verbindung zwischen der Materie der Werke und der des Ausstellungsortes her. La Crescentina wird so zum Kontext, in dem die Sprache des Künstlers durch die Beziehung zur Natur und zur materiellen Dimension der Landschaft neu interpretiert wird.

Hermann Nitsch – Wenn Malerei zur Materie wird: eine Ausstellung im Monferrato
Hermann Nitsch – Wenn Malerei zur Materie wird: eine Ausstellung im Monferrato



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