Vom 21. Oktober 2026 bis zum 5. April 2027 beherbergt der Palazzo Sarcinelli in Conegliano die Ausstellung „Ritratti di donna“. „Hayez, Boldini und Carrà“ – eine von Antonio D’Amico kuratierte und von ARTIKA in Zusammenarbeit mit dem Museo Bagatti Valsecchi und der Stadt Conegliano organisierte Ausstellung.
Die Ausstellung vereint über siebzig Gemälde aus bedeutenden privaten Sammlungen und italienischen Museen und lädt zu einer Reise durch die Darstellung der weiblichen Figur zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert ein. Anhand von Werken von Künstlern wie Hayez, Boldini, Corcos, Zandomeneghi, Carrà, Irolli, Grosso, Sironi, Pellizza da Volpedo, Bucci und Picasso will die Ausstellung nicht nur die Entwicklung der Malerei nachzeichnen, sondern auch die tiefgreifenden sozialen und kulturellen Veränderungen, die Italien im Übergang zwischen zwei Jahrhunderten durchlief.
Von der Belle Époque bis in die 1950er Jahre wird die Frau zu einer zentralen Figur in der Kunst und zu einem Motiv, durch das die Künstler die gesellschaftlichen Veränderungen interpretieren. Die Modernisierung verändert nach und nach den Alltag und erweitert die Bürgerrechte, während Frauen noch lange Zeit von der politischen Teilhabe und der vollen sozialen Selbstbestimmung ausgeschlossen bleiben. Gerade in diesem Kontext gewinnt die künstlerische Darstellung der Frau immer komplexere Bedeutungen. Die weibliche Figur kann Verführerin und „Femme fatale“, Mutter und Arbeitnehmerin, Aristokratin oder Frau aus dem Volk, Muse und Protagonistin des modernen Lebens sein. Ihr Porträt wird so zu einem Mittel, um Wünsche, Ängste, Sehnsüchte und Widersprüche einer sich rasch wandelnden Epoche zu schildern.
Zwischen dem Ende des 19. und dem Beginn des 20. Jahrhunderts nimmt der Mythos der „Femme fatale“ Gestalt an, einer faszinierenden und verführerischen weiblichen Figur, die jedoch gleichzeitig als gefährlich und destabilisierend wahrgenommen wird. Schön, geheimnisvoll und oft unerreichbar – die Femme fatale wird zu einem der häufigsten Motive in der künstlerischen Vorstellungswelt dieser Zeit. Die Künstler stellen sie durch sinnliche Posen, raffinierte Kleidung oder im Gegenteil durch den Akt dar und machen sie so zum Symbol für die Unruhe einer Gesellschaft, die noch immer tief von einer männlichen Weltanschauung geprägt ist.
Die Ausstellung möchte auch andere Facetten der weiblichen Welt zeigen. Neben den mythischen Figuren treten Persönlichkeiten aus Geschichte und Literatur in Erscheinung, wie Lucia Mondella, die Nonne von Monza und Graf Egidio – Werke aus Privatsammlungen, die der breiten Öffentlichkeit daher nur selten zugänglich sind.
Eine zentrale Rolle im Ausstellungsparcours kommt Giovanni Boldini zu, dem Interpreten der Frau der Belle Époque. In seinen Gemälden nimmt die weibliche Figur unterschiedliche Identitäten an: Sie ist Adlige, Ehefrau, Geliebte, Schwester, Intellektuelle, Feindin und Verführerin. Stets elegant und sich ihrer Präsenz bewusst, verkörpert die Frau bei Boldini den Charme, die Freiheit und die Weltlichkeit der damaligen Gesellschaft. Seine Darstellung steht im Dialog mit der von Giacomo Grosso, in dessen Werken posierende junge Frauen den Betrachter in die raffinierten und prächtigen Kreise der Bourgeoisie zu entführen scheinen. Auch die Literatur trägt dazu bei, dieses Bild der Frau als überlegenes und fast göttliches Wesen zu konstruieren. Dies gilt insbesondere für Gabriele D’Annunzio, dessen literarisches Schaffen sich ideell mit der malerischen Vision Boldinis verflechtet und dabei nicht nur die verführerische Kraft der Frau, sondern auch die Verletzlichkeit des Mannes angesichts der Verführung hervorhebt.
Die Ausstellung erweitert schrittweise ihren Blickwinkel und lässt das ausschließlich aristokratische und mondäne Bild hinter sich, um von gewöhnlichen Frauen zu erzählen. In den Gemälden von Federico Zandomeneghi tauchen Arbeiterinnen, Frauen aus dem Volk, Bäuerinnen, Schneiderinnen, Stickerinnen und kleine Händlerinnen auf, die in der Einfachheit ihrer alltäglichen Gesten dargestellt werden. Es sind Frauen, die tief im Familienleben verwurzelt sind, Mütter und Ehefrauen, aber auch Frauen, die aus wirtschaftlicher Not arbeiten müssen und gleichzeitig von den Möglichkeiten der Emanzipation und des sozialen Aufstiegs angezogen werden. Diese Dimension tritt in einen Dialog mit den Werken von Ulisse Caputo, in denen die weibliche Figur durch eine von Sinnlichkeit und farbliche Kraft geprägte Bildsprache dargestellt wird.
Von der Romantik und dem Symbolismus von Francesco Hayez und Carlo Mascarini über den Realismus von Mario Sironi reicht die Ausstellung bis hin zu den futuristischen Experimenten von Anselmo Bucci und Umberto Dudreville sowie zur Malerei des Novecento von Carlo Carrà. Die gesellschaftlichen Umwälzungen und die Folgen des Ersten Weltkriegs veränderten auch die Rolle der Frauen in der Gesellschaft. Während die Männer an der Front kämpften, übernahmen die Frauen neue Aufgaben und Verantwortlichkeiten und traten nach und nach über die traditionellen Grenzen des häuslichen Lebens hinaus. Dieser Wandel findet einen besonderen Ausdruck in der Malerei von Mario Sironi, der eine Frau darstellt, die immer weniger an eine rein ästhetische Darstellung gebunden ist und sich immer mehr dem Bild des Menschen in seiner Komplexität annähert. In seinen Aktdarstellungen verschwindet nach und nach die für die Ikonografie des 19. Jahrhunderts typische erotische Komponente. Der Körper wird vielmehr zum Ort der Anstrengung, der Verletzlichkeit und der Selbsterkenntnis und spiegelt so die Schwierigkeiten einer Gesellschaft wider, die zutiefst vom Krieg und den Umbrüchen des 20. Jahrhunderts geprägt ist.
Den Abschluss der Ausstellung bildet die raffinierte Lithografie „Le Corsage à Carreaux“ von Pablo Picasso aus dem Jahr 1949. Das Werk symbolisiert den Übergang zu einer neuen künstlerischen und kulturellen Ära. Durch eine scheinbar klassische Figur führt Picasso das Porträt in eine introspektivere Dimension, konzentriert sich auf die menschliche Seele und führt den Betrachter endgültig in die Moderne.
„Porträts von Frauen“ möchte daher eine Interpretation der italienischen Kunst anhand einer Vielzahl weiblicher Figuren anbieten: bürgerliche und einfache Frauen, Arbeiterinnen und Mütter, Aristokratinnen und Intellektuelle, Protagonistinnen der Salons, Machtfiguren und legendäre Persönlichkeiten. Die Gemälde zeugen von sehr unterschiedlichen künstlerischen Sensibilitäten und vermitteln durch Posen, Blicke, Kleidung und Umgebungen die vielfältigen Vorstellungen von der Frau, die sich zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelt haben.
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| In Conegliano: Die Welt der Frauen zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert – von Hayez über Boldini bis hin zu Carrà |
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