Selma Selman in der GAMeC in Bergamo: Die Einzelausstellung der Künstlerin zwischen Kriegsgedächtnis und der Kraft der Wiedergeburt


Vom 1. Oktober 2026 bis zum 24. Januar 2027 präsentiert die GAMeC in Bergamo „1000 Tears“, die erste Einzelausstellung der Künstlerin Selma Selman in einer italienischen Institution.

Die GAMeC – Galerie für moderne und zeitgenössische Kunst in Bergamo widmet Selma Selman die Ausstellung „1000 Tears“, die vom 1. Oktober 2026 bis zum 24. Januar 2027 im Spazio Zero des Museums zu sehen sein wird. Es ist die erste Einzelausstellung der bosnischen Künstlerin in einer italienischen Institution und bringt nach Bergamo ein künstlerisches Werk, das eng mit Erinnerung, Geschichte und der Möglichkeit verbunden ist, die eigene Identität neu zu definieren.

Selma Selman wurde 1991 in Bihać in Bosnien-Herzegowina geboren und hat ihren künstlerischen Werdegang oft ausgehend von ihren persönlichen Erfahrungen sowie der Geschichte ihrer Familie und ihrer Gemeinschaft aufgebaut. Ihre Werke setzen sich mit Themen wie Diskriminierung, Marginalisierung, Repräsentation und Identität auseinander und verknüpfen dabei autobiografische Erzählungen mit einer umfassenderen Reflexion über die sozialen und politischen Bedingungen, die bestimmen, wie Individuen wahrgenommen und dargestellt werden.

Im Rahmen dieser Auseinandersetzung ist der Krieg eine ständige Präsenz, auch wenn er nicht direkt in den Bildern erscheint. Der Konflikt taucht nämlich immer wieder in den Erinnerungen, in den Körpern und in den familiären Beziehungen auf und wird so zu einer Spur, die sich nur schwer auslöschen lässt, sowie zu einem Element, durch das die Gegenwart hinterfragt wird.

Im Mittelpunkt von „1000 Tears“ steht ein Foto, das während des Krieges in Bosnien-Herzegowina aufgenommen wurde. Auf dem Bild ist Selma Selman als Kind zusammen mit einigen Familienmitgliedern zu sehen. Jahre später wird dieses Foto für die Künstlerin zu einer Art Archiv, das es wieder zu öffnen gilt: nicht nur ein Bild der Vergangenheit, sondern die Gelegenheit, die abgebildeten Personen erneut zu treffen, ihre Geschichten anzuhören und sich damit auseinanderzusetzen, wie die Zeit Identitäten, Erinnerungen und Erzählungen verändert hat.

Aus den Gesprächen mit den Protagonisten des Fotos entsteht eine neue Reihe grafischer Arbeiten, die speziell für die GAMeC geschaffen wurden. Die persönlichen Erzählungen werden in Bilder verwandelt, die sich in einem Zwischenbereich zwischen Dokumentation und Erfindung bewegen, in dem die Erinnerung nicht linear rekonstruiert wird, sondern durch Fragmente, Assoziationen und Suggestionen zum Vorschein kommt. Eine besondere Rolle kommt den Händen und Gesten zu. Sie machen sichtbar, was Worte nicht immer ausdrücken können: Hände, die sich suchen, die sich umklammern, die einen Körper stützen oder beschützen, die einen Blick verbergen oder eine Kalaschnikow umklammern. Die Geste wird so zu einer Form der Erinnerung und zugleich zu einer Sprache, die Emotionen und Traumata wiedergibt.

Selma Selman. Foto: Vanesa Miteva
Selma Selman. Foto: Vanesa Miteva
Selma Selman, Crossing the Blue Bridge (2024; Standbild aus dem Film). Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin
Selma Selman, Crossing the Blue Bridge (2024; Filmstill). Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin
Selma Selman, „Letters to Omer“ (2023; analoge Fotografien). Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin
Selma Selman, „Letters to Omer“ (2023; analoge Fotografien). Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin

Im Zentrum des Ausstellungsraums wird zudem ein neuer Ausschnitt aus „Crossing the Blue Bridge“ zu sehen sein, einem Film aus dem Jahr 2024, der auf einer Erinnerung der Künstlerin aus dem Jahr 1994 basiert. Während eines Waffenstillstands überquerte Selmas Mutter mit ihren Töchtern die Brücke von Bihać, bekannt als „Blue Bridge“. Der Weg war damals von Leichen und Hundekadavern gesäumt. Um das kleine Mädchen vor diesem Anblick zu schützen, hielt die Mutter ihr mit einer Hand die Augen zu, während sie mit der anderen die gerade gekauften Vorräte festhielt. Der Wind wehte ihr ständig die Haare ins Gesicht, was es noch schwieriger machte, wahrzunehmen, was um sie herum geschah. Dreißig Jahre später kehrt Selma auf dieselbe Brücke zurück und folgt den Spuren ihrer Mutter. Der Film entsteht aus dieser Rückkehr und verwandelt eine Kindheitserinnerung in eine Reflexion über das Verhältnis zwischen Erinnerung, Trauma und Wahrnehmung. Die Sequenz wird in einer Endlosschleife gezeigt und hält das Gesicht der Künstlerin verborgen. Der Zuschauer sieht eine Figur von hinten, die auf etwas zuläuft, das nicht zu erkennen ist, ohne zu wissen, ob diese Bewegung eine Annäherung oder eine Flucht ist. Das Fehlen dessen, was eigentlich zu sehen sein sollte, wird so zu einem integralen Bestandteil des Bildes: Der Ort wird von einer unsichtbaren Präsenz bewohnt, die heraufbeschworen, aber nie vollständig gezeigt wird.

Die Beziehung zwischen dem, was gezeigt wird, und dem, was verborgen bleibt, setzt sich in den Gemälden auf Metall fort, einem Material, das in Selmans Schaffen immer wieder vorkommt und eng mit ihrer Familiengeschichte verbunden ist. Seit Generationen beschäftigt sich die Familie des Künstlers mit dem Sammeln und Handel von Schrott. Die in den Werken verwendeten Metalloberflächen tragen daher Kratzer, Beulen und Spuren ihrer früheren Existenz in sich. Auf diese Materialien malt Selman Körper und Gesichter und verwandelt so ein von der Zeit gezeichnetes Material in einen Raum, in dem Zerbrechlichkeit und Widerstandskraft nebeneinander bestehen. Das Metall wird so mehr als nur ein einfacher Träger: Es ist eine Oberfläche, die Spuren bewahrt, so wie das Gedächtnis das bewahrt, was die Zeit nicht vollständig auslöschen kann.

Ein weiterer Bestandteil der Ausstellung ist „Letters to Omer“, ein Projekt, das Selman im Jahr 2021 ins Leben gerufen hat. Im Mittelpunkt steht eine Reihe von Briefen an Omer, einen imaginären Gesprächspartner, dem die Künstlerin Gedanken, Wünsche, Erinnerungen, Wut und Zukunftsvisionen anvertraut. Omer antwortet nie, doch gerade diese Abwesenheit ermöglicht es, dass das Schreiben zu einem Raum der persönlichen Auseinandersetzung wird. In den Briefen verflechtet sich die intime Dimension ständig mit der kollektiven Geschichte und mit den Themen, die das gesamte Schaffen des Künstlers durchziehen. Im Laufe der Zeit haben die Briefe unterschiedliche Formen angenommen: Sie sind in den sozialen Medien erschienen, wurden auf Metalloberflächen übertragen, haben sich in Performances und Klanginstallationen verwandelt. Für die GAMeC wird Selman eine neue Rauminstallation im Korridor des „Spazio Zero“ realisieren. Die Texte werden den Besuchern zur Verfügung gestellt, die sie mitnehmen können, wodurch das Lesen zu einer Erfahrung der direkten Beziehung zum Werk wird.

Die Ausstellung hebt zudem die Rolle der weiblichen Genealogie und der Geschichte der Roma in Selma Selmans künstlerischer Arbeit hervor. Die Wiedergewinnung von Erinnerungen, die oft aus den offiziellen Erzählungen ausgeschlossen sind, wird zu einem Instrument, um den Prozessen der Auslöschung entgegenzuwirken und alternative Perspektiven zu schaffen. Die Vergangenheit neu zu erzählen bedeutet für die Künstlerin auch, die Art und Weise zu verändern, wie man die Gegenwart betrachtet, und die Möglichkeit einer anderen Zukunft zu schaffen. Diese Perspektive knüpft an das Jahresprogramm der GAMeC, „Pädagogik der Hoffnung“, an, insbesondere an das Prinzip „learn to unlearn“, also „verlernen lernen“. Durch seine künstlerische Praxis lädt Selman dazu ein, festgefahrene Kategorien und Bilder zu hinterfragen, marginalisierte Erfahrungen wieder ins Bewusstsein zu rücken und neue Wege der Interpretation der Realität zu erproben.

Dieses Streben nach Selbstbestimmung beschränkt sich nicht auf den Bereich der Kunst. Im Jahr 2017 gründete die Künstlerin in ihrer Heimatstadt „Get the Heck to School“, ein Projekt, das sichdem Zugang von Roma-Mädchen zur Bildung widmet. Die Initiative bietet schulische Fördermaßnahmen und Sensibilisierungsaktivitäten an und nutzt Bildung als Instrument zur persönlichen Emanzipation und zum sozialen Wandel.

Mit „1000 Tears“ bringt die GAMeC somit eine Auseinandersetzung nach Bergamo, in der individuelles Gedächtnis und kollektive Geschichte aufeinandertreffen. Fotografien, Filme, Gemälde, Briefe und Installationen bilden einen Parcours, der sich mit den Wunden der Vergangenheit auseinandersetzt, ohne sich auf deren Darstellung zu beschränken, und sie in Material für eine neue Erzählung verwandelt. Die Ausstellung wird auch mit Unterstützung des Club GAMeC realisiert, einem Verein der Freunde der Galerie, der seit 2005 zu den Aktivitäten des Museums und zur Förderung der zeitgenössischen Kunstforschung beiträgt.

Selma Selman in der GAMeC in Bergamo: Die Einzelausstellung der Künstlerin zwischen Kriegsgedächtnis und der Kraft der Wiedergeburt
Selma Selman in der GAMeC in Bergamo: Die Einzelausstellung der Künstlerin zwischen Kriegsgedächtnis und der Kraft der Wiedergeburt



Achtung: Die Übersetzung des italienischen Originalartikels ins Deutsche wurde mit Hilfe automatischer Tools erstellt. Wir verpflichten uns, alle Artikel zu überprüfen, aber wir garantieren nicht die völlige Abwesenheit von Ungenauigkeiten in der Übersetzung aufgrund des Programms. Sie können das Original finden, indem Sie auf die ITA-Schaltfläche klicken. Wenn Sie einen Fehler finden, kontaktieren Sie uns bitte.