Fast dreitausend Jahre lang war die Stadt Troja vor allem eine erzählte Geschichte. Die Stadt des Priamos, die von den Achäern belagert wurde, die Stadt des Hektor, des Paris und der Helena, des hölzernen Pferdes und des von Homer geschilderten Krieges, ist zwischen Erinnerung, Legende und Literatur erstarrt. Doch hinter der Erzählungder „Ilias“ verbirgt sich eine reale Stadt, die im Laufe der Zeit vielschichtig gewachsen ist und von Völkern, Handel und Konflikten geprägt wurde – ihre Spuren sind noch heute auf dem Hisarlık-Hügel inder heutigen Türkei zu erkennen.
Wir befinden uns etwa dreißig Kilometer von Çanakkale entfernt, am Eingang zu den Dardanellen (einer Meerenge, die in der Antike Hellespont genannt wurde), an einem strategischen Punkt, an dem die Ägäis mit dem Marmarameer verbunden ist. Hier erschwerten starke Nordwinde und Strömungen die Schifffahrt und zwangen die Schiffe oft dazu, auf bessere Bedingungen zu warten. Die Häfen von Troja wurden zu Rast- und Handelsplätzen und trugen so zum Reichtum der Stadt bei. Die Landschaft erklärt einen Teil ihrer Geschichte: Troja lag an einer der großen Verkehrsadern zwischen Europa und Asien und war daher nicht isoliert.
Tatsächlich erzählt die archäologische Stätte der Stadt, die 1998 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde, eine Geschichte, die weit über den homerischen Krieg hinausreicht. Es wurden insgesamt neun große Schichten identifiziert, die von der frühen Bronzezeit bis in die römische Zeit im Orient reichen. Im Jahr 2019 belegte zudem eine weitere Schicht eine Siedlung, die auf etwa 3600 v. Chr. datiert werden kann. Die Stadt wird im Epos mit zwei Namen bezeichnet: Troja und Ilios oder Ilion.In der „Ilias“ taucht Troja 49 Mal auf, während Ilios 106 Mal vorkommt, oft begleitet von dem Beinamen „das heilige Ilion“.
Die Klärung der Frage, welche der unter Hisarlık verborgenen Städte dem Troja der Überlieferung entsprechen könnte, ist daher eines der Themen, die die archäologische Forschung begleitet haben. Die Schichten VI und VII stehen im Mittelpunkt der Debatte über das mögliche homerische Troja. Insbesondere die Phase VIIa weist Spuren von Brand und Zerstörung auf, die auf das 13. Jahrhundert v. Chr. datiert werden können, sowie befestigte Anlagen von beachtlichem Umfang. Die Archäologie offenbart jedoch eine komplexere Realität als die des Epos: Es handelt sich nicht um eine einzelne Stadt, sondern um eine Abfolge von Gemeinschaften, die sich im Laufe der Jahrtausende gewandelt haben.
Die moderne Wiederentdeckung begann im 19. Jahrhundert. Im Jahr 1870 begann der Archäologe Heinrich Schliemann mit den Ausgrabungen, überzeugt davon, die Stadt Homers gefunden zu haben, und identifizierte einige wertvolle Gegenstände als den Schatz des Priamos. Ein Teil der Fundstücke wurde aus dem Osmanischen Reich herausgebracht und später in die Sammlungen des Puschkin-Museums in Moskau aufgenommen. Die ersten Ausgrabungskampagnen wurden mit Methoden durchgeführt, die heute stark kritisiert werden, auch weil sie zum Verlust wichtiger stratigraphischer Informationen führten.
Auf Schliemann folgten Wilhelm Dörpfeld, der eine Abfolge verschiedener Bauphasen erkannte, und Carl Blegen, der von 1932 bis 1938 an den Ausgrabungen beteiligt war. Zwischen 1988 und 2005 gab Manfred Korfmann der Forschung neue Impulse und trug dazu bei, Troja als Zentrum der anatolischen Geschichte zu etablieren. Korfmann, der auch den türkischen Namen Osman angenommen hatte (also Manfred Osman Korfmann) und die türkische Staatsbürgerschaft erhalten hatte, war maßgeblich an der Aufwertung der Stätte und der Region beteiligt, was schließlich zur Gründung des Nationalparks und zur Anerkennung durch die UNESCO führte. Nach 2005 wurden die Ausgrabungen unter Ernst Pernicka fortgesetzt, bis der Auftrag 2012 aufgehoben und die Aktivitäten im Juni 2013 an die türkische Seite übergeben wurden.
Die Forschungen haben zudem die Vorstellung von einem ausschließlich griechischen Troja relativiert. Ein 1995 entdecktes Bronzesiegel in luwischer Sprache sowie Vergleiche mit hethitischen Quellen haben neue Perspektiven auf die anatolische Identität der Stadt eröffnet. Wie bereits erwähnt, bedeutet ein Spaziergang durch die Ruinen von Troja daher, verschiedene Epochen zu durchqueren. Sichtbar sind die Überreste des Athene-Tempels (erbaut um 530 v. Chr.), des Megarons (des Hauptraums des Hauses) von Troja II und des Gebäudes, das als Palast des Priamos in Troja VI identifiziert wurde. Aus anderen Bauphasen sind das Heiligtum der Demeter,das Odeon (ein kleines Theater), das Bouleuterion ( das Gebäude, in dem der Rat tagte), die Thermen und das Theater erhalten geblieben. Später bedeutete ein Erdbeben das Ende der Siedlung auf dem Hisarlık-Hügel, woraufhin sich die Besiedlung in die Gebiete in der Nähe der Quellen verlagerte.
Nicht weit von den Ruinen entfernt, im Dorf Tevfikiye, befindet sich das 2018 eröffnete Troja-Museum ( hier der Link zum virtuellen Rundgang durch das Museum), das einen wichtigen Teil dieser langen Geschichte zusammenfasst. Das moderne, mit Cortenstahl verkleidete Gebäude hat die Form eines großen Baukörpers, dessen Farbe an die Erde des Fundortes erinnert. Seine Höhe wurde im Verhältnis zur Tiefe der Ausgrabungen konzipiert, und von einer Terrasse aus hat man einen Blick auf die Landschaft der Troas. Das Museum bewahrt über 40.000 bewegliche Fundstücke auf, von denen etwa 2.000 ausgestellt sind. Der in sieben Themenbereiche gegliederte Rundgang folgt der Archäologie der Troas (historische Region in Kleinasien), die Bronzezeit,die „Ilias“ und den Trojanischen Krieg, die Geschichte der Troas und von Ilion in der Antike, die Epochen des Römischen Reiches im Osten und der osmanischen Herrschaft, die Geschichte der Ausgrabungen sowie die fortdauernde Erinnerung an Troja. Eine etwa 480 Meter lange Rampe führt den Besucher vorbei an Fundstücken, Rekonstruktionen, Fotografien und Instrumenten, die auch den Methoden der archäologischen Forschung gewidmet sind.
Die Erzählung beginnt mit dem gesamten Gebiet. Assos, Tenedos, Parion (oder Parium), Alexandria Troas, Smintheion, Lampsakos, Thymbra, Tavolia und Imbros werden durch Amphoren, Kapitelle, Stelen, Figuren, Keramiken, Werkzeuge aus Stein und Knochen, Masken sowie Gegenstände aus Glas und Marmor veranschaulicht. Unter den Fundstücken stichteine bronzerne Amphore aus Parion hervor, die auf die zweite Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr. datiert und 2005 in der südlichen Nekropole entdeckt wurde; sie ist mit Darstellungen von Satyrn und Mänaden verziert. Aus Assos stammt hingegen eine Gruppe von Musikerfiguren, die 1995 in der westlichen Nekropole entdeckt wurde. Silenen und Musiker mit Leiern, Zithern, Flöten und Schlaginstrumenten bilden eine Szene, die mit der dionysischen Welt in Verbindung steht. Der Bestattungskontext ermöglicht es zudem, den Zusammenhang zwischen Musik, Tanz, Poesie und sozialem Status zu erkennen. Der Fund ist angesichts der Anwesenheit von Aristoteles in Assos und seiner Schule zwischen 347 und 344 v. Chr. von besonderem Interesse.
Der Sarkophag von Çan Altıkulaç, der 1998 in der Nähe von Çan in der Provinz Çanakkale gefunden wurde, stammt aus dem späten 5. Jahrhundert v. Chr. und weist besonders gut erhaltene Malereien auf. Er wurde nach einer Plünderung im Rahmen einer Notgrabung geborgen und dokumentiert anhand der Darstellung von Kleidung, Waffen, Altersgruppen und sozialen Schichten eine von der persischen Kultur beeinflusste aristokratische Gesellschaft in Anatolien. Aus dem Grabhügel von Dardanos stammt eine Terrakottafigur der Aphrodite, die 1959 entdeckt wurde. Sie ist 31,5 Zentimeter hoch, weist Spuren von Weiß und Gold auf und ist eine lokale Kopie der Aphrodite von Knidos von Praxiteles; sie trägt ein schlangenförmiges Armband. Der Kouros von Lapseki aus weißem Marmor, der auf das 6. Jahrhundert v. Chr. datiert wird, verkörpert hingegen die typische Frontalität der archaischen Bildhauerei.
Auch die Geschichte der trojanischen Funde ist Teil der Geschichte dieser Stätte. Die sogenannten „Schätze der Troas“ sind heute auf verschiedene Sammlungen verteilt, darunter die Archäologischen Museen von Istanbul und die von Schliemann exportierten Fundstücke. Eine Gruppe von Objekten, die 1966 in die Sammlungen des Penn Museum in Philadelphia aufgenommen wurde, wurde später als aus Troja stammend identifiziert und 2012 dank der Zusammenarbeit mit dem türkischen Ministerium für Kultur und Tourismus an die Türkei zurückgegeben. Zu den einfachsten, aber aussagekräftigsten Objekten zählen die Bronzepfeilspitzen aus den Schichten VI und VII. Ihre unterschiedlichen Formen ermöglichen es, Techniken und Verwendungszwecke der Waffen zu rekonstruieren, während ihr Bezug zur Tradition des Achilles (der starb, nachdem er von einem von Paris abgeschossenen Pfeil in die Ferse getroffen worden war) den Besucher erneut vom Fundstück zum Mythos zurückführt.
Die Keramik hingegen zeugt von Kontinuität und Migrationen. Die Keramikproduktion durchläuft verschiedene Phasen, von den Gemeinschaften der Bronzezeit bis zur Eisenzeit; Troja VIII weist graue äolische Keramik auf. In den Schichten VIIb1 und VIIb2 taucht hingegen Keramik auf, die Einwanderergruppen zugeschrieben wird. Besonders charakteristisch für VIIb2 ist die Buckelkeramik ( prähistorische Buckelkeramik) oder Knobbed Ware (grobkörnige, handgefertigte Keramik, die mit thrakischen Völkern in Verbindung gebracht wird).
Der Museumsrundgang führt auch durch das osmanische Troja und die Geschichte von Çanakkale. Texte, Fotografien, Stiche, Keramiken und Artefakte zeigen, wie die Dardanellen weiterhin eine strategische Funktion behielten. Die Geschichte der Archäologie wird hier anhand von Calvert, Schliemann, Dörpfeld, Blegen und Korfmann nachgezeichnet und verdeutlicht, wie sich das Bild von Troja im Zuge der sich wandelnden Techniken und Interpretationen der Wissenschaftler verändert hat. Ein weiterer Abschnitt befasst sich mit dem Übergang von der Bronzezeit zur klassischen Welt. Die Krise der hethitischen und mykenischen Paläste, die Einfälle der sogenannten „Völker des Meeres“ und die Schwächung des ägyptischen Reiches veränderten den östlichen Mittelmeerraum tiefgreifend. Troja wurde jedoch nicht vollständig aufgegeben: Protogeometrische Keramiken und Eisenwerkzeuge zeugen von fortbestehenden Beziehungen zur Ägäis.
In der archaischen und klassischen Zeit prägte der Mythos von Troja weiterhin Politik, Religion, Kunst und Erinnerung. Zu den bedeutendsten Fundstücken gehört der Sarkophag der Polyxena, der 1994 im Grabhügel von Kızöldün bei Gümüşçay in der Region Biga entdeckt wurde. Er wird auf die Jahre 520–500 v. Chr. datiert und gilt als der älteste figürlich verzierte Steinsarkophag Anatoliens. Seine Darstellungen zeigen das Opfer der Polyxena anhand von 37 Figuren und lassen sowohl persische Einflüsse als auch eine starke trojanische Identität erkennen. Auf dem Deckel ist noch das Loch zu sehen, das von Plünderern verursacht wurde. Aus Parion stammt eine große Figur eines Kentaurs oder Tritons, die 2012 im Theater entdeckt wurde. Der erhaltene Teil misst 130 Zentimeter, doch die Rekonstruktion erreicht eine Höhe von etwa drei Metern. Der Kopf, der zerbrochen und später repariert wurde, weist eine raffinierte Gestaltung der Haare auf; die Augen waren ausgehöhlt, um Edelsteine aufzunehmen.
Die 1993 in Troja entdeckte Statue des Hadrian lässt sich hingegen auf die Jahre 117–138 n. Chr. datieren. Der Kaiser ist in Rüstung mit der Medusa auf dem Brustpanzer dargestellt. Hadrian besuchte Troja im Jahr 124 und finanzierte die Restaurierungdes Odeons; die Statue wurde hinter dem Gebäude gefunden. Aus der hellenistischen Zeit stammt die 1994 gefundene Statue der Kybele aus dem 3. Jahrhundert v. Chr.: Die Göttin ist sitzend dargestellt, mit Polos (Kopfschmuck), Zöpfen, einer Phiale (griechisches Ritualgefäß) und einem Timpan, begleitet von einem Löwen.
Die Erinnerung an den Krieg wird schließlich auch durcheine wenige Minuten lange Animation vermittelt,die die Zerstörung Trojas nachstellt und sich dabei an den Darstellungen auf attischen Vasen sowie am Schattenspiel orientiert. Die Geschichte der Stadt verschmilzt mit der Geschichte der Region: Im Jahr 480 v. Chr. überquerte Xerxes die Dardanellen; im Jahr 334 v. Chr. vollzog Alexander der Große dieselbe Überquerung und stellte sich den Persern bei Priapos entgegen. In den folgenden Jahrhunderten besuchten weitere Herrscher und Kaiser diese Orte, die mit der Erinnerung an die homerischen Helden verbunden sind. Troja endet jedoch nicht mit der Antike. Das Erdbeben, das das Ende der Siedlung auf dem Hügel besiegelte, machte Platz für neue Formen der Besiedlung, während das Gebiet während der Zeit des Oströmischen Reiches weiterhin bewohnt blieb. Inschriften, Skulpturen, Keramiken, Kreuze und Zierelemente zeugen von dieser Phase der Stadt, bevor sie vor allem zu einem Ziel für Reisende und ab dem 19. Jahrhundert für Archäologen wurde.
Außerhalb des Museums lassen Säulen, Stelen, Kapitelle und andere Steinartefakte die Geschichte in der Landschaft wieder lebendig werden. Hier wird der Sinn eines Besuchs in Troja besonders deutlich: Man durchquert eine Abfolge von Städten, die denselben Ort besetzt und ihn verändert haben, ohne die früheren Spuren vollständig zu verwischen. So erscheint Troja viel größer als die Stadt, von derin der „Ilias“ die Rede ist. Es ist ein Ort, an dem sich Mythos und Geschichte weiterhin vermischen, aber auch ein strategischer Punkt, ein Handelszentrum, eine anatolische Stadt, eine römische Siedlung und Gegenstand archäologischer Forschung. Der Hisarlık-Hügel offenbart also nicht nur ein einziges Troja: Er bewahrt viele davon. Und gerade in der Überlagerung all dieser Lebensweisen, mehr noch als in der Suche nach einer endgültigen Bestätigung der homerischen Erzählung, liegt heute die Geschichte einer der bekanntesten Städte der Antike.
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| Troja – die lange Geschichte der Stadt, die Homer zum Mythos machte |
Der Autor dieses Artikels: Noemi Capoccia
Originaria di Lecce, classe 1995, ha conseguito la laurea presso l'Accademia di Belle Arti di Carrara nel 2021. Le sue passioni sono l'arte antica e l'archeologia. Dal 2024 lavora in Finestre sull'Arte.Achtung: Die Übersetzung des italienischen Originalartikels ins Deutsche wurde mit Hilfe automatischer Tools erstellt. Wir verpflichten uns, alle Artikel zu überprüfen, aber wir garantieren nicht die völlige Abwesenheit von Ungenauigkeiten in der Übersetzung aufgrund des Programms. Sie können das Original finden, indem Sie auf die ITA-Schaltfläche klicken. Wenn Sie einen Fehler finden, kontaktieren Sie uns bitte.