Die Skulptur als räumliches und klangliches Erlebnis, das das Verhältnis zwischen Besucher, Material und Architektur verändern kann. Dies ist das Grundprinzip der Ausstellung „Olam, ihr, die ihr auf weißen Eseln reitet“, der ersten großen Ausstellung, die dem italienischen Bildhauer Federico Fusj ( Siena, 1967) in der Tschechischen Republik gewidmet ist und von der Alšova Jihočeská Galerie im Wortner-Haus in České Budějovice präsentiert wird. Die am 18. Juni eröffnete Ausstellung ist bis zum 18. Oktober 2026 zu sehen und wurde speziell für die Räumlichkeiten der Galerie konzipiert, wo die Werke aus Marmor und Onyx mit dem Klang und der historischen Architektur des Gebäudes in Dialog treten.
Für Federico Fusj ist die Galerie nämlich nicht einfach nur ein Behälter, der dazu bestimmt ist, eine Reihe von Skulpturen aufzunehmen. Der Ausstellungsraum wird zu einem integralen Bestandteil des Werks und trägt zu dessen wahrnehmungsmäßiger Konstruktion bei. Die Casa Wortner bietet in diesem Sinne einen besonders bedeutungsvollen Kontext, da in ihrem Inneren eine zeitgenössische Dimension, geprägt von einer weißen, minimalistischen Galerie, und die historische Dimension des Gebäudes, die vor allem in der ursprünglichen Säulenreihe erkennbar ist, nebeneinander bestehen. Genau auf dem Kontrast zwischen diesen beiden architektonischen Gegebenheiten baut der Künstler seine Intervention auf: Die kleinen Skulpturen aus Marmor und Onyx sind im Raum verteilt und werden von einer Klanginstallation begleitet, die die Art und Weise verändert, wie der Besucher die Räume durchquert und die Werke wahrnimmt. Der Rundgang ist somit keine bloße Abfolge von Skulpturen, sondern wird zu einem wesentlichen Bestandteil des Erlebnisses.
Der Titel „Olam, ihr, die ihr auf weißen Eseln reitet“ eröffnet eine weitere Interpretationsebene. Der Verweis ist biblisch und bezieht sich auf das Buch der Richter, während das Motiv der Pilgerreise durch die Bewegung des Betrachters in den Ausstellungsraum übertragen wird. Wer die Casa Wortner betritt, ist dazu aufgefordert, sich zwischen den Werken zu bewegen und dabei nach und nach immer neue Beziehungen zwischen Stein, Licht, Klang und Architektur herzustellen. Jede Bewegung bewirkt nämlich eine Veränderung der Perspektive: Die Skulpturen werden nicht statisch wahrgenommen, sondern verändern sich in Abhängigkeit von der Position des Betrachters, den Eigenschaften der Umgebung und der klanglichen Komponente. Der Raum zwischen den einzelnen Werken gewinnt so eine Bedeutung, die der der Skulpturen selbst gleichkommt.
Dies ist einer der zentralen Aspekte des Projekts, wie Miroslav Halák, Kurator des Belvedere-Museums in Wien und wissenschaftlicher Leiter der Ausstellung, erklärt. „Der Raum zwischen den Objekten gewinnt die gleiche Bedeutung wie die Objekte selbst“, sagt er. „Der Betrachter bewegt sich zwischen den Steinformen wie ein Pilger in der Landschaft. Die Installation schafft eine Situation, in der sich Raum, Material und Klang gegenseitig beeinflussen und gemeinsam die Bedeutung des Werks prägen.“ Die Skulptur wird somit nicht nur als Volumen und Materie verstanden, sondern als ein Prozess, in dem die Geste des Künstlers gleichzeitig eine physische Transformation und eine akustische Dimension hervorbringt. Das Geräusch der Bearbeitung ist daher kein zufälliges Phänomen, sondern fließt in Fusjs Reflexion über das Wesen des bildhauerischen Aktes selbst ein.
Das Projekt der Casa Wortner reiht sich in die Forschung ein, die Federico Fusj seit über dreißig Jahren betreibt und die ihn dazu geführt hat, die traditionellen Grenzen der Bildhauerei schrittweise in Frage zu stellen. Fusj wurde 1967 in Siena geboren und gilt als eine bedeutende Persönlichkeit der zeitgenössischen italienischen Bildhauerei; er hat seine Werke in bedeutenden Institutionen und bei Veranstaltungen in Italien und im Ausland präsentiert. Zu den Orten, an denen seine Arbeiten ausgestellt wurden, zählen die Pinacoteca Nazionale in Siena, das Moderna Museet in Stockholm, das S.M.A.K. in Gent, die Moderna Galerija in Ljubljana und die Biennale von Havanna. Zu den Ausstellungsorten gehörten außerdem das MAN-Museum in Nuoro, die Certosa di Padula sowie zahlreiche Galerien im In- und Ausland.
Zu den Stationen im Werdegang des Künstlers zählen auch Erfahrungen wie „Italia ’90 Flash Art“, „Imprevisto – Castello di Volpaia“, „Watary-um“ und „Sonsbeek 9“ sowie Ausstellungen in Museen, Institutionen und öffentlichen und privaten Räumen. Ein Werdegang, der Fusj dazu gebracht hat, sich mit unterschiedlichen Kontexten auseinanderzusetzen, und der nach und nach eine persönliche künstlerische Suche gefestigt hat, die auf der Beziehung zwischen Materie, Raum und Wahrnehmung basiert.
Seine Reflexion über die Skulptur als Klangkunst kam auch in dem Manifest von 2023 „La scultura come arte sonora“ zum Ausdruck. In dieser Perspektive wird das Werk nicht als bloßes Betrachtungsobjekt betrachtet, das in einem von seiner eigenen Präsenz unabhängigen Raum platziert ist, sondern als eine pulsierende Aktion, die durch Klang Gestalt annimmt und die Beziehung zwischen Betrachter, Umgebung und Tiefe neu definiert. Dies ist ein bedeutender Wandel in Fusjs Verständnis von Skulptur: vom Volumen als eigenständiger Form hin zur Skulptur als ganzheitliches Sinneserlebnis. Das Material steht weiterhin im Mittelpunkt, ist jedoch nicht mehr das einzige Element, durch das das Werk wahrgenommen wird. Klang, Bewegung und Architektur werden Teil der Struktur des künstlerischen Erlebnisses. Die Ausstellung in České Budějovice ermöglicht es, diese Konzeption konkret zu erleben. Die Skulpturen aus Marmor und Onyx, die im Vergleich zur Größe der Räume relativ klein sind, versuchen nicht, sich allein durch ihre Größe oder Monumentalität durchzusetzen. Ihre Präsenz entsteht durch die Beziehung zum umgebenden Raum und durch die Abstände, die sie voneinander trennen.
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| Federico Fusj stellt in der Tschechischen Republik aus: Seine Skulpturen im Wortner-Haus in České Budějovice |
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