Maurizio Cattelan hat ein Kunstwerk geschaffen, in dem die Asche eines verstorbenen Freundes aufbewahrt wird. Es handelt sich um „Dust“, eine der neuen Arbeiten, die im Rahmen von „NIGHT“ präsentiert werden, der Ausstellung, die der aus Padua stammende Künstler heute in der Neuen Nationalgalerie in Berlin eröffnet hat, nachdem er die Ausgabe 2026 des Preises der Nationalgalerie gewonnen hatte. Das Werk besteht aus einem gewöhnlichen Feuerlöscher, der sein gewohntes Aussehen beibehält (in der Ausstellung wurde er sogar auf den Boden gestellt, genau wie ein ganz normaler Feuerlöscher), in seinem Inneren eingeäscherte menschliche Überreste verbirgt und so ein Gerät, das normalerweise mit Notfällen, Rettung und Schutz in Verbindung gebracht wird, in einen unerwarteten Behälter der Erinnerung verwandelt.
Der Titel des Werks, „Dust“ („Staub“), verweist sowohl auf die materielle Beschaffenheit der Asche als auch auf eine Stelle im Buch Genesis, wonach der Mensch Staub ist und zum Staub zurückkehren wird – ein Ausdruck, der auch im christlichen Begräbnisritus in der Formel „Asche zu Asche, Staub zu Staub“ aufgegriffen wird. Das Werk beschwört somit die Unausweichlichkeit des Todes und die Vorstellung eines Kreislaufs herauf, der alles an seinen Ursprung zurückführt. Indem er sich eines alltäglichen Industrieobjekts bedient, um daraus ein Kunstwerk zu schaffen – gemäß einer Strategie, die ihre Wurzeln in der Tradition des Ready-made hat –, verlagert Cattelan dessen Bedeutung vom Nützlichen hin zur Reflexion: Der Feuerlöscher, ein vertrauter Alltagsgegenstand, wird so zu einem stillen Denkmal, das einem gewöhnlichen Gegenstand ein intensives Gefühl der Präsenz und zugleich der Abwesenheit verleiht. Das Werk wurde, wie von den Ausstellungsmachern selbst präzisiert, unter Berücksichtigung des Willens des Verstorbenen realisiert, der diese Form persönlich für sein Andenken gewählt hatte. Materiell besteht „Dust“ aus Stahl, Kunststoff, Gummi, Glas und eingeäscherten menschlichen Überresten und ist auf das Jahr 2026 datiert.
Das Werk ist Teil von NIGHT, der ersten großen Einzelausstellung in Deutschland, die Maurizio Cattelan gewidmet ist und von Lisa Botti, Kuratorin der Neuen Nationalgalerie, gemeinsam mit dem Museumsdirektor Klaus Biesenbach kuratiert wurde. Die Ausstellung, die speziell für den berühmten, von Mies van der Rohe entworfenen Glassaal konzipiert wurde, ist vom 10. September 2026 bis zum 7. März 2027 zu sehen und vereint wegweisende historische Werke des Künstlers mit einer Reihe neuer Arbeiten, zu denen auch „Dust“ gehört. Die Gesamtinszenierung verleiht dem Museum den Charakter einer zeitgenössischen Kirche, die als Ort der Besinnung, der Erhebung und der Reflexion konzipiert ist, und die gesamte Ausstellung dreht sich um die Themen Geschichte, Macht, Erinnerung, Identität und Glaube.
Als Zeugnis für die persönliche und direkte Verbindung zwischen dem Werk und der Gefühlswelt des Künstlers meldete sich auch der Kritiker Fabio Cavallucci zu Wort, der auf seinem Facebook-Profil ein Foto kommentierte, das ihn neben Cattelan direkt vor dem Feuerlöscher-Reliquiar zeigt. In seinem Kommentar erinnerte Cavallucci daran, dass er sich zusammen mit Maurizio Cattelan und einem weiteren Freund des Künstlers befand, dessen Asche genau in dem Feuerlöscher aufbewahrt wird, der zum Kunstwerk geworden ist. Cavallucci beschrieb diesen Zustand zudem als ein „tragikomisches Finale, so zerbrechlich wie das Leben selbst, das bereit ist, sich mit einem Hauch aufzulösen, sollte jemand beschließen, den Hebel des Geräts zu betätigen“.
Die von Cattelan mit „Dust“ vollzogene Geste fügt sich somit nahtlos in die Gesamtlogik von „NIGHT“ ein, einer Ausstellung, die – wie der Künstler selbst betont – nicht die Dunkelheit im wörtlichen Sinne betrifft, sondern vielmehr den Verlust der Gewissheit, wobei es sich zugleich um einen vorübergehenden Zustand handelt, der stets die Möglichkeit eines Neuanfangs in sich birgt. In diesem Zusammenhang wird der zu einer Art weltlichem Reliquiar umfunktionierte Feuerlöscher zu einem der direktesten und verblüffendsten Bilder der gesamten Ausstellung: ein Objekt, das dazu gedacht ist, im Moment der Gefahr und des Verlusts einzugreifen, das hier jedoch stattdessen das bewahrt, was von einem Menschen nicht mehr gerettet werden kann, und dem Besucher damit eine ebenso intime wie universelle Reflexion über das Verhältnis zwischen Leben, Tod und dem, was von einem Menschen nach dem Ende seiner Existenz übrig bleibt, vermittelt.
Cattelan ist jedoch nicht der erste Künstler, der die Asche eines Verstorbenen für ein Kunstwerk verwendet. Es gibt einige Vorläufer: Der Amerikaner Bill Fink beispielsweise schuf 1992 das Porträt eines 39-jährigen Kaliforniers, Bob Christensen, der im Jahr zuvor an AIDS gestorben war, aus dessen Asche – stets unter Berücksichtigung des Willens des Verstorbenen. Zudem schuf die Deutsche Heide Hatry eine Serie namens „Icons in Ash“ mit fotorealistischen Porträts, die ebenfalls aus menschlicher Asche entstanden. Der US-amerikanische Maler Wayne Gilbert schuf hingegen Gemälde, wobei er nicht abgeholte, eingeäscherte menschliche Überreste als Material verwendete, die er bei Bestattungsunternehmen erhielt. Und die Britin Bea Haines verwendete die Asche eines verstorbenen Onkels, indem sie diese mit den Pigmenten einiger ihrer Aquarelle vermischte. Ein weiterer interessanter Fall ist der des irakisch-amerikanischen Künstlers Wafaa Bilal, der in der Serie „Ashes“ Fotografien kleiner, verfallener Räume schuf, eine Anspielung auf den Irakkrieg, und dabei die in den Originalen vorhandenen menschlichen Figuren durch 21 Gramm menschliche Asche ersetzte, wodurch er den eingeäscherten Überresten eine zugleich kollektive, politische und spirituelle Bedeutung verlieh. Cattelan reiht sich somit auf seine Weise in diese bereits zahlreiche Schar von Künstlern ein.
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| Maurizio Cattelan hat ein Kunstwerk aus der Asche eines verstorbenen Freundes geschaffen |
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