Das Eremitage-Museum in Sankt Petersburg hat beschlossen, alle archäologischen Ausgrabungen auf der von Russland besetzten Krim auszusetzen und die Feldarbeiten auf unbestimmte Zeit zu verschieben. Die Entscheidung fällt in eine Zeit starker Spannungen auf der Halbinsel, die 2014 einseitig von Moskau annektiert wurde, während der Kreml aufgrund der gravierenden Treibstoffknappheit – verursacht durch ukrainische Angriffe auf Raffinerien, Infrastruktur und strategische Ziele Russlands – den Ausnahmezustand ausgerufen hat.
Bestätigt wurde die Verschiebung der archäologischen Kampagnen durch den Archäologen Alexander Butyagin, Leiter der Eremitage-Expedition an der Ausgrabungsstätte Myrmekion, der in einer Erklärung gegenüber der russischen Nachrichtenagentur TASS erklärte, dass alle Expeditionen verschoben wurden, bis die Lage wieder eine normale Durchführung der Arbeiten zulässt. „Die Expeditionen“, sagte er, „werden verschoben, bis sich die Lage verbessert. Die Gründe dafür bedürfen meiner Meinung nach keiner weiteren Erläuterung. Derzeit ist es schwierig, die Arbeit normal zu organisieren.“
Die Aussetzung erfolgt in einem auch politisch und rechtlich besonders heiklen Kontext. Butyagin selbst ist nämlich eine besonders umstrittene Persönlichkeit: Die ukrainischen Behörden werfen ihm vor, an der archäologischen Stätte von Myrmekion Ausgrabungen durchgeführt zu haben, ohne über die nach der Annexion der Krim durch die Russische Föderation gemäß der Gesetzgebung in Kiew erforderlichen Genehmigungen zu verfügen, sodass ukrainische Staatsanwälte im Jahr 2025 Anklage gegen ihn erhoben und behaupteten, die archäologischen Aktivitäten seien unter Verletzung der ukrainischen Souveränität über die Halbinsel durchgeführt worden. Im Dezember desselben Jahres wurde der Archäologe in Polen auf der Grundlage eines von der Ukraine gestellten Auslieferungsersuchens festgenommen. Im März dieses Jahres befand ein Bezirksgericht in Warschau das Auslieferungsersuchen jedoch für rechtlich zulässig, und das Verfahren wurde nach Einlegung einer Berufung durch die Verteidigung ausgesetzt, woraufhin der Fall an die nächsten Instanzen der polnischen Justiz weitergeleitet wurde. Bevor das Gerichtsverfahren jedoch zu einem Abschluss kam, wurde Butyagin im Rahmen eines von den Vereinigten Staaten vermittelten Gefangenenaustauschs zwischen Weißrussland und Russland freigelassen, was ihm die Rückkehr auf russisches Staatsgebiet ermöglichte.
Doch es geht nicht nur um die persönliche Geschichte des Archäologen: Die Kontroverse um die von Russland in den besetzten Gebieten der Krim durchgeführten Forschungsaktivitäten ist weitaus umfassender. Die Krim ist integraler Bestandteil des eigenen Staatsgebiets, und ebenso wie die internationale Gemeinschaft erkennt die Ukraine die russische Annexion von 2014 nicht an. Folglich erfordern nach Ansicht Kiews alle archäologischen Maßnahmen in diesem Gebiet Genehmigungen der ukrainischen Behörden. Die Frage der Rechtmäßigkeit archäologischer Aktivitäten auf der Krim betrifft natürlich nicht nur die rechtlichen Aspekte der territorialen Souveränität, sondern auch den Schutz des kulturellen Erbes und die Verwaltung archäologischer Stätten.
Gerade in Myrmekion sollen nach Angaben der Kiewer Behörden dreißig Goldmünzen entfernt worden sein, von denen sechsundzwanzig den Namen Alexanders des Großen trugen, und es soll zu Schäden an einer unter Denkmalschutz stehenden archäologischen Stätte gekommen sein. Auch aus diesen Gründen hat hat der ukrainische Militärgeheimdienst Butyagin in das Regierungsregister aufgenommen, in dem die Namen von Personen erfasst sind, denen Verstöße gegen ukrainisches Recht in den von Russland besetzten Gebieten vorgeworfen werden; Russland seinerseits weist alle Vorwürfe zurück und bezeichnet die ukrainischen Anschuldigungen als unbegründet.
Darüber hinaus werfen die ukrainischen Kulturbehörden den russischen Streitkräften seit langem vor, Museumssammlungen aus den besetzten Gebieten illegal abtransportiert zu haben. Nach Angaben aus Kiew sollen zahlreiche Kunstwerke, die aus ukrainischen Museen entwendet wurden, später in kulturellen Einrichtungen der von Russland kontrollierten Krim wieder aufgetaucht sein. Zu den jüngsten Vorfällen zählt der vom Regionalen Kunstmuseum in Cherson angezeigte Fall: Bereits im Jahr 2024 gab das Museumspersonal an, hundert Werke aus den eigenen Sammlungen identifiziert zu haben, die während der russischen Besetzung der Stadt als gestohlen galten.
Parallel dazu wird auch die internationale Überwachung der Aktivitäten im Zusammenhang mit dem Kulturerbe in den besetzten Gebieten fortgesetzt. Die vom Krim-Institut für Strategische Studien betriebene Website „The Ancient City of Tauric Chersonese and its Chora“ verfolgt die Entwicklung der Lage an der UNESCO-Stätte Chersonesos Tauricus. Ein weiteres digitales Archiv namens „War Sanctions“ sammelt hingegen Informationen über als illegal geltende Ausgrabungen, Museumsdiebstähle und die Zerstörung von Kulturgütern in verschiedenen Regionen der Ukraine.
Das Krim-Institut für Strategische Studien hat zudem eine interaktive Karte entwickelt, die Zerstörungen, Plünderungen und als unrechtmäßig angesehene archäologische Aktivitäten dokumentiert. In den letzten Jahren haben verschiedene wissenschaftliche Studien den Umgang Russlands mit dem Kulturerbe analysiert, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf der Krim lag. Die ukrainischen Behörden behaupten, dass zahlreiche russische Archäologen an Ausgrabungskampagnen teilgenommen hätten, die sowohl gegen nationales Recht als auch gegen das Völkerrecht verstießen. Nach Angaben aus Kiew standen viele dieser Maßnahmen im Zusammenhang mit großen Infrastrukturprojekten, wie dem Bau der Autobahn, die die Krim-Brücke bei Kertsch mit Sewastopol verbindet.
Die Bauarbeiten hätten zur Zerstörung zahlreicher archäologischer Stätten geführt , auch wenn nach Ansicht einiger Wissenschaftler die vor Beginn der Arbeiten durchgeführten präventiven archäologischen Untersuchungen es dennoch ermöglicht hätten, einen Teil der historischen Zeugnisse zu dokumentieren, wobei die methodischen Standards der Disziplin trotz des starken operativen Drucks eingehalten worden seien.
Auch auf ethischer und beruflicher Ebene bleibt die Debatte offen. Einige Wissenschaftler halten gerichtliche Maßnahmen gegen Archäologen, die an Aktivitäten in den besetzten Gebieten beteiligt sind, für gerechtfertigt, während andere dazu aufrufen, die individuelle Verantwortung vom politischen Kontext zu trennen, in dem viele russische Forscher tätig sind.
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| Die Eremitage setzt die archäologischen Expeditionen auf der von Russland besetzten Krim aus |
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