Giuditta Branconi – wenn die Malerei über ihre eigenen Grenzen hinausbricht


Giuditta Branconi, Jahrgang 1998, ist eine der interessantesten Stimmen der jungen italienischen Malerei: Ihre Malerei ist dicht, vielschichtig und hierarchiefrei; Bilder, Worte und Zeichen häufen sich an, bis sich die Leinwand in einen Raum verwandelt, den es zu durchqueren gilt.

Es gibt Künstler, die Bilder schaffen, und andere, die diese so weit treiben, bis sie nicht mehr fassbar, erkennbar oder stabil sind. Das Werk von Giuditta Branconi bewegt sich in diesem Spannungsfeld, in dem die Malerei das Sichtbare nicht ordnet, sondern es in eine Krise stürzt, es anhäuft und schichtet, bis es fast in sich zusammenfällt. In ihr Universum einzutreten bedeutet, sich mit einer Oberfläche auseinanderzusetzen, die sich nicht beherrschen lässt, einem Sichtfeld, in dem jedes Element gleichzeitig zu wirken scheint, ohne Hierarchien, ohne ein definitives Zentrum.

Giuditta Branconi, 1998 in Sant’Omero (Teramo) geboren, gehört jener Künstlergeneration an, die es verstanden hat, sich das Medium der Malerei mit einerunersättlichen und antiakademischen Freiheit wieder anzueignen. Ausgebildet an der Accademia di Belle Arti di Brera in Mailand und der Accademia di Belle Arti di Urbino, speist sich ihre künstlerische Praxis aus einer hybriden Vorstellungswelt, die es versteht, die Solidität der italienischen Maltradition mit Pop-Anklängen, die Ästhetik von Zeichentrickfilmen und die visuelle Überfülle des digitalen Zeitalters zu verbinden.

Die Ausstellung „Cannon Fodder“, die in der Collezione Maramotti präsentiert wird, stellt einen entscheidenden Moment dieser Forschung dar. Der Titel führt unmittelbar eine Dimension der Bloßstellung und Verletzlichkeit ein: „Kanonenfutter“ ist nicht nur ein symbolischer Verweis, sondern ein Zustand, der das gesamte Werk durchzieht. Die Bilder, die die Werke bevölkern, treten nicht als vollendete Figuren in Erscheinung, sondern wirken fragmentiert, eingebettet in ein visuelles Geflecht, das sie aufnimmt und verwandelt. Die Malerei wird so zu einem Ort des Drucks, zu einem Raum, in dem sich Zeichen und Bezüge verdichten, bis sie eine fast physische Sättigung erzeugen.

Ausstellungsinstallation der Ausstellung „Cannon Fodder“ von Giuditta Branconi, Sammlung Maramotti, Reggio Emilia © Giuditta Branconi, mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin und der L.U.P.O. Gallery, Mailand. Foto: Dario Lasagni
Ausstellungsansichten der Ausstellung „Cannon Fodder“ von Giuditta Branconi, Maramotti-Sammlung, Reggio Emilia © Giuditta Branconi, mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin und der L.U.P.O. Gallery, Mailand. Foto: Dario Lasagni
Ausstellungsinstallation der Ausstellung „Cannon Fodder“ von Giuditta Branconi, Sammlung Maramotti, Reggio Emilia © Giuditta Branconi, mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin und der L.U.P.O. Gallery, Mailand. Foto: Dario Lasagni
Ausstellungsansichten der Ausstellung „Cannon Fodder“ von Giuditta Branconi, Sammlung Maramotti, Reggio Emilia © Giuditta Branconi, mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin und der L.U.P.O. Gallery, Mailand. Foto: Dario Lasagni

Diese Überfülle ist weder zufällig noch dekorativ. Sie ist das Ergebnis eines bewussten Prozesses, in dem Branconidie Idee der Komposition selbst hinterfragt. Ihre Werke streben nicht nach Ausgewogenheit, sie ordnen den Raum nicht nach einer geordneten Logik an, sondern schaffen im Gegenteil ein Feld, in dem alles nebeneinander existiert: Bilder aus verschiedenen Epochen und Kontexten, Symbole, Fragmente, Wörter, grafische Zeichen. Stiche aus dem 19. Jahrhundert können neben Elementen der zeitgenössischen visuellen Kultur bestehen, ornamentale Motive neben anatomischen Bezügen, Ikonen neben scheinbar nebensächlichen Details. Nichts wird untergeordnet, nichts wird festgeschrieben.

Diese Abwesenheit von Hierarchie erzeugt eine Form der Wahrnehmung, die nicht unmittelbar sein kann. Der Blick findet keinen Halt, er ist gezwungen, sich zu bewegen, zurückzukehren, sich zu verlieren. Jeder Versuch einer linearen Lesart wird unterbrochen, fragmentiert sich und setzt sich an anderer Stelle wieder zusammen. Das Bild präsentiert sich nicht als Einheit, sondern als offenes, durchquerbares System.

Zu dieser ikonografischen Komplexität gesellt sich eine tiefgreifende Reflexion über das Wesen der Malerei selbst. Branconis Leinwände sind keine einfachen frontalen Flächen: Oft sind sie dünn, beidseitig bemalt und so konzipiert, dass sie aus mehreren Blickwinkeln betrachtet werden können. Vorderseite und Rückseite verlieren ihre traditionelle Unterscheidung, sie werden zu Teilen eines einzigen visuellen Organismus. Dies bedeutet eine radikale Veränderung der Erfahrung: Man betrachtet das Werk nicht mehr aus einer festen Position, sondern durchquert es, umrundet es, erkundet es im Raum.

In der zentralen Installation von „Cannon Fodder“, die als dreidimensionale Struktur konzipiert ist, kommt diese Logik besonders deutlich zum Ausdruck. Das Publikum kann physisch in das Werk eintreten, sich in seinem Inneren bewegen, die Distanz aufheben, die normalerweise den Betrachter vom Bild trennt, und hier hört die Malerei auf, ein Objekt der Betrachtung zu sein, und wird zu einer Umgebung, die es zu erleben gilt, zu einem Raum, der den Körper einbezieht und dessen Wahrnehmung verändert.

Innerhalb dieses Raums nimmt auch das Wort eine grundlegende Rolle ein. Die Texte, die in den Werken erscheinen, fungieren nicht als Bildunterschriften oder Kommentare, da sie als vollwertige visuelle Elemente hervortreten, als integraler Bestandteil der Komposition. Sie verflechten sich mit den Bildern, unterbrechen sie, durchziehen sie. Verschiedene Sprachen, unterschiedliche Schriftarten, Satzfragmente koexistieren, ohne einen linearen Diskurs zu bilden. Das Lesen wird fragmentarisch, diskontinuierlich, ähnlich wie das Betrachten der Bilder.

Diese Überlagerung von Sprachen erzeugt eine komplexe Form visueller Schrift, in der Sehen und Lesen zusammenfallen. Das Werk lässt sich nicht eindeutig entschlüsseln; jeder Interpretationsversuch bleibt unvollständig, offen, vorläufig, und die Bedeutung ergibt sich aus einem Geflecht von Elementen, die sich nicht festlegen lassen.

Giuditta Branconi, „Tanz und dann kommt er, um dich zu holen (lauf, kleines Mädchen)“ (2025; Öl auf Leinen) © Giuditta Branconi, mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin und der L.U.P.O. Gallery, Mailand. Foto: Dario Lasagni
Giuditta Branconi, „Danza e poi viene a prenderti (corri bambina) “ (2025; Öl auf Leinen) © Giuditta Branconi, mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin und der L.U.P.O. Gallery, Mailand. Foto: Dario Lasagni
Giuditta Branconi, „Ich erinnere mich, dass ich glücklicher war als jetzt“ (2025; Öl auf Leinen) © Giuditta Branconi, mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin und der L.U.P.O. Gallery, Mailand. Foto: Dario Lasagni
Giuditta Branconi, Ich erinnerte mich, glücklicher gewesen zu sein als so (2025; Öl auf Leinen) © Giuditta Branconi, mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin und der L.U.P.O. Gallery, Mailand. Foto: Dario Lasagni
Giuditta Branconi, Wenn du den Brotkrumen folgen würdest (würdest du nie wieder hierher zurückkehren) (2026; Holzkonstruktion, Öl auf Leinen) © Giuditta Branconi, mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin und der L.U.P.O. Gallery, Mailand. Foto: Dario Lasagni
Giuditta Branconi, Wenn du den Brotkrumen folgen würdest (würdest du nie wieder hierher zurückkehren) (2026; Holzkonstruktion, Öl auf Leinen) © Giuditta Branconi, mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin und der L.U.P.O Gallery, Mailand. Foto: Dario Lasagni
Giuditta Branconi, C’est la panik sur le Périphérik (2026; Öl auf Leinen) © Giuditta Branconi, mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin und der L.U.P.O. Gallery, Mailand. Foto: Dario Lasagni
Giuditta Branconi, C’est la panik sur le Périphérik (2026; Öl auf Leinen) © Giuditta Branconi, mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin und der L.U.P.O Gallery, Mailand. Foto: Dario Lasagni

In all dem liegt eine Tendenz zurÜbertreibung, die sich durch jede Ebene des Werks zieht. Die Oberflächen sind dicht, vollgepackt, frei von Leerstellen. Jeder Raum ist ausgefüllt, jeder Teil der Leinwand scheint von Zeichen durchzogen zu sein. Diese Energie wurde als „explosiv“ bezeichnet, und es ist nicht schwer zu verstehen, warum: Die Werke existieren nicht einfach nur, sondern scheinen über ihre eigenen Grenzen hinauszuwachsen, als könne die Malerei nicht eingedämmt werden.

In einem visuellen Kontext, der von Vereinfachung, unmittelbarer Klarheit und schneller Konsumierbarkeit geprägt ist, schafft Branconi Bilder, die Widerstand leisten, die sich nicht reduzieren lassen und sich nicht für eine flüchtige Betrachtung anbieten. Sie erfordern Zeit, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, in der Komplexität zu verweilen. Diese Werke zu betrachten bedeutet, einen Zustand der Instabilität zu akzeptieren. Es gibt kein Zentrum, keine Hierarchie, keine endgültige Form. Der Blick muss auf Kontrolle verzichten, er muss sich einer anderen Logik anpassen, die dem Fluss näher ist als der Struktur. Das Bild lässt sich nicht erfassen, sondern entzieht sich immer wieder, öffnet sich neu und schafft neue Verbindungen.

In diesem Sinne erscheint das Werk von Giuditta Branconi zutiefst zeitgenössisch. Nicht, weil es die Gegenwart darstellt, sondern weil es deren tiefgreifendste Dynamiken in Szene setzt: die Anhäufung, die Überlagerung, den Verlust der Linearität, die Schwierigkeit, eine stabile Ordnung aufzubauen. Die Malerei wird zum Ort, an dem diese Spannungen am deutlichsten zum Vorschein kommen, ohne dabei vereinfacht zu werden.

Die Bilder prallen aufeinander, verflechten sich, widersprechen sich, und aus diesem Konflikt entsteht keine Synthese, sondern ein Zustand ständiger Offenheit. Jedes Element steht in Beziehung zu den anderen, ohne sich jemals endgültig festzulegen. Und vielleicht findet Branconis Werk gerade hier seine präziseste Form: in dieser Fähigkeit, die Spannung offen zu halten, nicht aufzulösen, nicht abzuschließen. Die Malerei wird niemals zu einem stabilen Bild, sondern bleibt ein sichtbarer Prozess, eine fortlaufende Anhäufung, eine Explosion, die nicht versiegt.



Federica Schneck

Der Autor dieses Artikels: Federica Schneck

Federica Schneck, classe 1996, è una giornalista specializzata in arte contemporanea. Laureata in Storia dell'arte contemporanea presso l'Università di Pisa, il suo lavoro nasce da una profonda fascinazione per il modo in cui le pratiche artistiche operano all’interno, e in contrapposizione, alle strutture sociali e politiche del nostro tempo. Si occupa delle trasformazioni del sistema dell'arte contemporanea, del dialogo tra ricerche emergenti e patrimonio culturale, del mercato, delle istituzioni e delle fiere internazionali. Alla scrittura giornalistica affianca quella critica, con testi per artisti, gallerie e collezioni private.


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