Oderzo: Entdeckung einer großen frühchristlichen Basilika: Mosaike und Gräber aus der Spätantike


Archäologische Ausgrabungen im Bereich der ehemaligen Fischhalle von Oderzo (Treviso) bringen einen außergewöhnlichen Komplex aus der Spätantike ans Licht. Es wurden vielfarbige Mosaike, Grabstätten und monumentale Mauerwerke freigelegt: Es könnte sich um die bislang erste bekannte christliche Kirche der Stadt handeln.

Ein archäologischer Fund, den die Beteiligten selbst als „außergewöhnlich“ bezeichnen, schreibt die spätantike Geschichte von Oderzo (Treviso) neu. Im Bereichder ehemaligen Fischhalle, im südöstlichen Teil des antiken Opitergium, haben die von der Oberaufsicht für Archäologie, für die Provinzen Padua, Treviso und Belluno koordinierten Untersuchungen einen weitläufigen frühchristlichen Komplex mit vielfarbigen Mosaiken, monumentalen Mauerwerken und Grabstätten ans Licht gebracht, der nach ersten Annahmen der Wissenschaftler zur bislang ältesten bekannten christlichen Kirche der Stadt gehören könnte. Die Bekanntgabe erfolgte gestern im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung, die organisiert wurde, um die vorläufigen Ergebnisse der noch andauernden archäologischen Ausgrabungen vorzustellen. Ein Moment, der auch von der Stadtverwaltung besonders gewürdigt wurde. „Ich freue mich sehr, diesen Tag zu beginnen, denn es ist wirklich eine unglaubliche Überraschung für Oderzo“, erklärte Bürgermeisterin Maria Scardellato bei der Eröffnung der Veranstaltung. Die Bürgermeisterin bedankte sich ausdrücklich bei dem privaten Bauherrn, vertreten durch Luigi Durante, dem Eigentümer des von dem Bauprojekt betroffenen Areals, auf dem der Fund gemacht wurde. Gerade die Bereitschaft des Eigentümers ermöglichte es, das ursprüngliche Projekt anzupassen und sogar ein großes Zelt zu errichten, damit die Archäologen trotz der besonders schwierigen Wetterbedingungen auch im Winter arbeiten konnten.

Das Gebiet, in dem der Fund gemacht wurde, liegt zwischen dem Kanal und der Via Pescheria, in einem Vorortgebiet, das bereits für bedeutende Grabfunde und das seit 1883 dokumentierte Vorhandensein eines etwa dreißig Meter langen, vielfarbigen Mosaiks bekannt ist. Eine Information, die zwar nie vollständig bestätigt wurde, aber dennoch einen wichtigen Hinweis darstellte. Das Bauprojekt sah den Abriss der bestehenden Gebäude und die Errichtung neuer Wohngebäude vor, die auf tiefen Pfahlfundamenten ruhen sollten. Gerade das Vorhandensein dieser besonders eingreifenden Bauarbeiten veranlasste die Denkmalschutzbehörde, vorbeugende Untersuchungen mittels Erkundungsgräben anzuordnen.

Die anfänglichen Erwartungen richteten sich auf mögliche Grabstätten. „Wir hätten nie erwartet, das zu finden, was wir tatsächlich gefunden haben“, räumte die Denkmalschutzbeauftragte Maria Cristina Vallicelli ein. Der Fund gibt nämlich Antwort auf eine Frage, die unter Wissenschaftlern der spätantiken und frühmittelalterlichen Geschichte von Oderzo seit Jahren offen war. Das Gebiet liegt zudem in einer Region, die bereits reich an bedeutenden Zeugnissen ist. Von den Jagdmosaiken, die im Bereich des Gasparinetti-Gartens gefunden wurden und heute im Archäologischen Museum Eno Bellis ausgestellt sind, bis hin zur Gellius-Stätte in den ehemaligen Gefängnissen, wo spätantike Bestattungen und eine bedeutende befestigte Anlage zutage getreten waren. Hinweise, die von einem Wandel der Stadt nach dem Niedergang des römischen Kaiserzentrums zeugten.

Die Entdeckung der spätantiken Basilika von Oderzo. Foto: ABAP-Denkmalschutzbehörde für die Provinzen Padua, Treviso und Belluno
Die Entdeckung der spätantiken Basilika von Oderzo. Foto: ABAP-Denkmalschutzbehörde für die Provinzen Padua, Treviso und Belluno
Die Entdeckung der spätantiken Basilika von Oderzo. Foto: ABAP-Denkmalschutzbehörde für die Provinzen Padua, Treviso und Belluno
Die Entdeckung der spätrömischen Basilika von Oderzo. Foto: ABAP-Denkmalbehörde für die Provinzen Padua, Treviso und Belluno

Die archäologischen Untersuchungen begannen im vergangenen November mit dem Anlegen einiger vorläufiger Gräben. „Der November war eine sehr regnerische Jahreszeit“, erklärte der Archäologe Simone Colucciello, Koordinator der Ausgrabung. „Das Anlegen der Gräben gestaltete sich sowohl aufgrund der Nähe zum Kanal als auch wegen des Regenwassers sehr schwierig.“ Die ersten Abschnitte hatten lediglich einige schwarze und weiße Mosaiksteinchen zutage gefördert, die auf einen gewöhnlichen römischen Kontext hindeuteten. Die Situation änderte sich, als im Zuge der Ausweitung der Ausgrabungsfläche an mehreren Stellen Mosaike zum Vorschein kamen. Der von den Archäologen freigelegte Bereich ist etwa fünfzehn Meter breit und dreißig Meter lang, und fast überall kamen Mosaikböden zum Vorschein. Von diesem Moment an nahm die Ausgrabung eine völlig andere Dimension an. Die Archäologen haben imposante Mauerwerke entdeckt, die bis zu drei Meter unterhalb des heutigen Straßenniveaus erhalten sind. Einige Mauern, deren Fundament bis zu einem Meter zwanzig breit ist, weisen noch vierzehn Mauerreihen auf und sind durch Lisenen gekennzeichnet, die auf eine monumentale Struktur hindeuten. Genau diese Funde veranlassten die Wissenschaftler, die überraschendste Hypothese aufzustellen: dass es sich um eine frühchristliche dreischiffige Basilika handeln könnte. „Wir begannen zu vermuten, dass es sich um ein Gebäude, um eine Kirche handelte“, erklärte Colucciello. „Wir hatten noch keine Vorstellung davon, wie groß sie war.“

Die Fundamente des Bauwerks weisen Holzpfähle auf, die in den Schwemmlandboden gerammt wurden und auf denen die Mauern aus Ziegeln und Mörtel errichtet wurden. Eine ausgefeilte Bautechnik, die dank künftiger Radiokarbonanalysen an den Holzproben auch chronologische Daten liefern könnte. Die vorläufige Datierung des Gebäudes, die sich vor allem auf den stilistischen Vergleich der Mosaike mit denen von Concordia Sagittaria und Aquileia stützt, würde den Bau zwischen das Ende des 4. und den Anfang des 5. Jahrhunderts n. Chr. ansetzen.

Besonders raffiniert sind die Mosaikböden des Mittelschiffs. Die Archäologen haben bereits etwa vierundzwanzig Meter Mosaik freigelegt, das mit vielfarbigen geometrischen Motiven, ineinander verschlungenen Achtecken, abwechselnd roten und blauen Doppelknoten sowie Efeu-Blumenmotiven verziert ist. Außerdem sind konzentrische Kreise und sogenannte „Mühlenflügel“-Verzierungen vorhanden, die mit in Norditalien in der Spätantike weit verbreiteten Beispielen vergleichbar sind.

Das südliche Seitenschiff ist am besten erhalten. Hier kommt ein großes Achteck zum Vorschein, das mit einem zentralen Velarium und dem Salomonknoten verziert ist, flankiert von komplexen geometrischen Motiven. Ein Teil des Mosaiks wurde leider durch moderne Rohrleitungen der Gebäude aus dem 20. Jahrhundert beschädigt, die das Areal bis zu ihrem Abriss einnahmen. Die Archäologen haben zudem Sockel von kleinen Säulen identifiziert, die auf das Vorhandensein von Presbyterium-Absperrungen und des Altarbereichs hindeuten könnten. Der östliche Teil der Kirche, in dem vermutlich die Apsis lag, befindet sich noch in der Ausgrabungsphase.

Neben dem Hauptgebäude sind weitere Bauwerke zutage getreten. Eines davon könnte ein Produktions- oder Lagerbereich gewesen sein, der mit der Baustelle der Basilika verbunden war. Hier haben die Archäologen enorme Mengen an Materialien geborgen: Mosaiksteine, Marmorfragmente, Ziegel, Glas, Amphoren, Metalle und sogar einen kleinen Brennofen. Besonders bedeutsam ist der Fund von Glaspaste-Mosaiksteinchen, die vom hohen dekorativen Niveau des Komplexes zeugen. Außerdem wurde ein Steinfragment entdeckt, das als Teil einer liturgischen Absperrung interpretiert wird, die wahrscheinlich mit dem Presbyterium in Verbindung stand.

Bei den Untersuchungen wurden zudem vier Gräber freigelegt, die zwischen den Lisenen des Bauwerks angeordnet waren. Der Zustand der Knochen ist nicht optimal, doch die Wissenschaftler planen künftige anthropologische, isotopische und DNA-Analysen, um die Herkunft und die biologischen Merkmale der Individuen zu rekonstruieren. Nur in einer Grabstätte sind die Leichname nach Osten ausgerichtet, während die anderen mit dem Kopf nach Westen liegen. Den Archäologen zufolge scheinen die Gräber aus derselben Zeit zu stammen und nicht das Ergebnis späterer Wiederverwendungen zu sein. Außerhalb des Kontextes der Basilika befindet sich hingegen eine Pferdebestattung, die nördlich der Kirche entdeckt wurde und wahrscheinlich auf die nachmittelalterliche Zeit zurückzuführen ist.

Die Untersuchungen im nördlichen Seitenschiff dauern noch an; dort sind neue Mosaike zutage getreten, die mit Doppelpfeil-Motiven und konzentrischen Kreisen verziert sind. In diesem Bereich wurden weitere Holzpfähle entdeckt, die die Chronologie des Gebäudes endgültig bestätigen könnten.

Die Entdeckung der spätantiken Basilika von Oderzo. Foto: ABAP-Denkmalschutzbehörde für die Provinzen Padua, Treviso und Belluno
Die Entdeckung der spätantiken Basilika von Oderzo. Foto: ABAP-Denkmalschutzbehörde für die Provinzen Padua, Treviso und Belluno
Die Entdeckung der spätantiken Basilika von Oderzo. Foto: ABAP-Denkmalschutzbehörde für die Provinzen Padua, Treviso und Belluno
Die Entdeckung der spätantiken Basilika von Oderzo. Foto: ABAP-Denkmalschutzbehörde für die Provinzen Padua, Treviso und Belluno

Bei den Ausgrabungen kam zudem eine lange, verputzte Wand zum Vorschein, die auf die Mosaike gestürzt war. Die Wissenschaftler wissen noch nicht, ob sie zu einer späteren Bauphase der Kirche oder zu einem anderen Gebäude gehört.

Nach ersten Schätzungen dürfte die Basilika eine Breite von etwa dreiundzwanzig Metern haben. Sollten sich diese Proportionen bestätigen, könnte die Länge bis zu vierzig Meter betragen, was sie zu einem monumentalen Bauwerk machen würde, das mit der frühchristlichen Basilika von Concordia vergleichbar ist. Die Denkmalschutzbehörde geht davon aus, dass es sich um eine außerstädtische Friedhofsbasilika handeln könnte, die wahrscheinlich vor der Entstehung des christlichen Zentrums im Bereich des heutigen Doms errichtet wurde. Eine Erkenntnis, die die Rekonstruktion der christlichen Ursprünge der Stadt radikal verändern könnte.

„Wir schreiben ein neues wichtiges Kapitel in der spätantiken Geschichte von Oderzo“, betonte Vallicelli. „Wir präsentieren die bislang erste bekannte und in der Stadt ausgegrabene christliche Kultstätte.“ Neben dem wissenschaftlichen Aspekt eröffnet die Entdeckung auch neue Perspektiven für die städtebauliche und kulturelle Aufwertung. Die vom Architekturbüro Tomè+Drusian erstellten Visualisierungen zeigen ein Projekt, das die Erhaltung und den öffentlichen Zugang zu einem bedeutenden Teil der Basilika ermöglicht, insbesondere zum südlichen Seitenschiff und zu einem Teil des Mittelschiffs. Die archäologische Stätte wird auch von den darüber liegenden Räumen aus sichtbar sein, die für die städtische Tourismusinformation vorgesehen sind; durch Öffnungen im Boden lassen sich die Mosaike direkt betrachten. Zudem ist vorgesehen, dass der Zugang zum archäologischen Bereich über ein eigens dafür vorgesehenes Untergeschoss möglich sein wird.

„Oderzo wird nach vielen Jahren einen neuen archäologischen Bereich erhalten“, erklärte die Denkmalschutzbeauftragte und äußerte die Hoffnung, dass der Fund den gesamten archäologischen Rundgang der Stadt neu beleben möge. Die Bürgermeisterin richtete schließlich einen Appell an Unternehmer und Privatpersonen, die künftigen Forschungen über den „Art Bonus“ zu unterstützen, und erinnerte daran, dass dieses Instrument bereits die Restaurierung der berühmten, in der Stadt aufbewahrten Pferdegeschirre ermöglicht habe. Die archäologischen Untersuchungen, so betonten die Wissenschaftler, seien nur der Anfang eines langen und komplexen Prozesses, der aus Restaurierungen, Studien, Analysen und neuen Forschungskampagnen bestehe. Die Ausgrabungen werden in den kommenden Monaten mit weiteren Untersuchungen, C-14-Datierungen und Analysen der Fundstücke und menschlichen Überreste fortgesetzt.

Oderzo: Entdeckung einer großen frühchristlichen Basilika: Mosaike und Gräber aus der Spätantike
Oderzo: Entdeckung einer großen frühchristlichen Basilika: Mosaike und Gräber aus der Spätantike



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