Vom 19. September 2026 bis zum 10. Januar 2027 widmet das Zentrum für zeitgenössische Kunst „Luigi Pecci“ in Prato Lorenza Longhi (Lecco, 1991) die Ausstellung „Villa Delizia“, kuratiert von Michele Bertolino, die erste Einzelausstellung der Künstlerin in einer italienischen Institution. Das Projekt setzt den vom Centro Pecci eingeschlagenen Weg fort, die Forschung zu italienischen Künstlerinnen und Künstlern zu vertiefen, die eine bedeutende Position in der nationalen und internationalen Kunstszene einnehmen.
Longhis künstlerische Praxis untersucht die Entstehung von Begehren und den Umlauf von Objekten in der heutigen Gesellschaft und konzentriert sich dabei insbesondere auf die Mechanismen, durch die Güter präsentiert, begehrt und konsumiert werden. Die Künstlerin beobachtet den Alltag und nutzt Elemente aus der Welt des Konsums – von Designermöbeln über Stoffe bis hin zu Posamenten –, um die Codes zu hinterfragen, die unser Verhältnis zu Objekten regeln.
In den Werken von Lorenza Longhi tauchen immer wieder Elemente wie Ornamentik, Kitsch und Glamour auf, die dazu dienen, die von der Gesellschaft geteilten ästhetischen Codes an die Oberfläche zu bringen. Diese Ausdrucksformen werden jedoch einem Prozess der Mehrdeutigkeit unterzogen: Was attraktiv und begehrenswert erscheint, wird gleichzeitig hinterfragt.
Ziel ist es, die Formen erkennbar zu machen, durch die Begehren konstruiert wird, und gleichzeitig einen Raum des Bewusstseins zu schaffen, in dem sich das Publikum mit den Mechanismen des Konsums und des Geschmacks auseinandersetzen kann. Eine wichtige Rolle in der künstlerischen Forschung spielt das Selbermachen. Longhi kombiniert gefundene und wiederverwertete Materialien und experimentiert mit einer besonderen Art des Siebdrucks ohne Schablone, bei der sie Schablonen und wiederverwertete Fragmente direkt auf der Druckfläche einsetzt. Die Wiederverwendung von Materialien ermöglicht es so, auch Fehler, Zufälle und unvorhergesehene Abweichungen aufzuwerten und sie zu einem integralen Bestandteil des Werks zu machen. Das Scheitern erhält dadurch einen konkreten Wert: Es wird zu einer Form des Widerstands gegen die Rhetorik der Effizienz und Perfektion, die die heutige Gesellschaft prägt.
Die mit Unterstützung von Cellereseim Flügel „Ala Nio“ eingerichtete Ausstellung greift direkt in die Architektur des Centro Pecci ein und verwandelt den Ausstellungsraum in eine einhüllende Umgebung. Longhi arbeitet an den runden Deckenfenstern, polstert die historischen Sofas der Institution neu und greift einige von Formafantasma für die Dauerausstellung des Centro Pecci konzipierte Ausstellungslösungen auf. Posamenten, Sitzmöbel, Kissen, ein Portal und einige Fensteraufkleber tragen zur Schaffung einer Umgebung bei, die sich nicht darauf beschränkt, die Werke zu beherbergen, sondern zu einem integralen Bestandteil des Projekts wird. Die Ausstellung lenkt somit die Aufmerksamkeit auf die Ausstellungsstrategien selbst und darauf, wie die Gestaltung eines Raums den Blick des Besuchers beeinflussen und lenken kann. Die Architektur wird dadurch zu einem Instrument, mit dem über die Wahrnehmung von Kunst und die Art und Weise, wie Objekte der Öffentlichkeit präsentiert werden, nachgedacht werden kann.
Für die Ausstellung hat Lorenza Longhi zudem einige großformatige Gemälde geschaffen, die alle eigens für diesen Anlass entstanden sind. Für diese Arbeiten wählte die Künstlerin Stoffe aus Manufakturen und Unternehmen aus der Region Prato aus, darunter Cangioli 1859 und Tessilfibre. Auf diesen Materialien arbeitete Longhi mit Siebdrucken und Beflockungen, die in Zusammenarbeit mit Floccatura Balmar entstanden. Die Stoffe werden ihrer ursprünglichen Funktion entzogen und innerhalb des Kunstwerks in einen neuen Kontext gestellt. Durch diesen Prozess werden Materialien, die mit der industriellen Produktion und dem Konsum verbunden sind, zu Elementen von Kompositionen von großer formaler Raffinesse.
Die Transformation ermöglicht es jedoch auch, die wirtschaftlichen, symbolischen und kulturellen Dynamiken sichtbar zu machen, die die zeitgenössische Produktion durchziehen. Die Neukontextualisierung der Materialien übernimmt somit eine kritische Funktion und bringt Aspekte zum Vorschein, die normalerweise hinter dem alltäglichen Gebrauch der Objekte verborgen bleiben.
Die Ausstellung wird von einer Publikation begleitet, die bei Mousse Publishing erschienen ist und vom Künstler als regelrechter Katalog der präsentierten Werke konzipiert wurde. Unter dem Titel „Opera d’arte nella Villa Delizia“ versammelt der Band Beiträge zur Forschung von Longhi, verfasst von der Modehistorikerin und Kuratorin Marta Franceschini, der Kuratorin Alice Motard und dem Kunsthistoriker Giorgio Motisi sowie dem Kurator Michele Bertolino. Anhand von Originaltexten und unterschiedlichen kritischen Perspektiven erweitert das Buch die Interpretation der ausgestellten Werke und vertieft die Themen, die sich durch das Schaffen des Künstlers ziehen: vom Konsum bis zur Ästhetik, vom Ornament bis zur industriellen Produktion, bis hin zur Beziehung zwischen Objekten, Begehren und Ausstellungsraum.
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| Lorenza Longhi im Centro Pecci in Prato mit „Villa Delizia“, ihrer ersten Einzelausstellung in einer italienischen Institution |
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