Maurizio Cattelan erobert Deutschland: Nach dem Gewinn des Preises der Nationalgalerie 2026 wird dem Künstler aus Padua eine Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie in Berlin gewidmet, die heute eröffnet wird: „NIGHT“ ist die erste große Einzelausstellung in Deutschland, die dem Künstler gewidmet ist. Die Ausstellung, kuratiert von Lisa Botti, Kuratorin der Neuen Nationalgalerie, gemeinsam mit Klaus Biesenbach, dem Direktor des Museums, und speziell für den von Mies van der Rohe entworfenen Glassaal konzipiert, ist vom 10. September 2026 bis zum 7. März 2027 zu sehen und vereint wegweisende historische Werke mit neuen Arbeiten in einer Inszenierung, die dem Museum den Charakter einer zeitgenössischen Kirche verleiht – verstanden als Ort der Besinnung, der Erhebung und der Reflexion.
NIGHT dreht sich um die Themen Geschichte, Macht, Erinnerung,Identität und Glaube. Entlang des Ausstellungsparcours werden vertraute Bilder und Figuren gerade so weit verschoben, dass ihre Bedeutung ins Wanken gerät, was Interpretationen eröffnet, die zwischen Ironie und Mehrdeutigkeit schwanken. Im ständigen Dialog mit der Architektur von Mies van der Rohe beschränken sich Cattelans Werke nicht darauf, das Gebäude als bloßen Behälter zu nutzen, sondern werden zu einem integralen Bestandteil davon. Der Titel soll einen Zustand heraufbeschwören, in dem die Dinge nicht weniger klar, sondern anders wahrgenommen werden. Wie Maurizio Cattelan selbst erklärte, stellt die Nacht nicht einfach die Abwesenheit von Licht dar, sondern einen eigenständigen Zustand: In der Ausstellung geht es nicht um Dunkelheit, sondern um den Verlust der Gewissheit, und die Nacht, die von Natur aus vergänglich ist, birgt immer die Möglichkeit eines Morgens, auch wenn dieser noch nicht sichtbar ist.
Die Ausstellung erstreckt sich über die Grenzen des Glasraums hinaus. Auf der Terrasse des Museums befindet sich „Scar“ (2026), ein gusseiserner Kanaldeckel, in den die Titel aller in der Ausstellung gezeigten Werke eingraviert sind und der die gesamte Ausstellung in einer auf Straßenebene lesbaren Sprache zusammenfasst. Oben, auf dem Dach des Gebäudes, präsentiert sich „Never“ (2003) als animatronischer Kinder-Schlagzeuger, inspiriert vom Protagonisten aus Günter Grass’ „Die Blechtrommel“ – eine Figur des Widerstands und der Mahnung, deren unregelmäßiger Rhythmus über der Stadt widerhallt, schwebend zwischen Parade und Alarm.
Die Besucher betreten die Ausstellung durch „Purgatory“ (2026), ein neu in Auftrag gegebenes Werk, das eine verkleinerte Version des Brandenburger Tors im Inneren des Museums platziert: Eines der bekanntesten Denkmäler Deutschlands wird so zu einer Schwelle, die es zu durchschreiten gilt, und wird als Raum des Übergangs, der Reflexion und der historischen Mehrdeutigkeit neu positioniert. In der Mitte des Saals entsteht eine starke vertikale Achse zwischen „Him“ (2001), der berühmten Wachsfigur Hitlers, der in kontemplativer Haltung kniet, und „Dawn“ (2007), einer weiblichen Figur, die in kreuzförmiger Haltung in einem Transportkisten schwebt. Oben lassen sich Tausende ausgestopfter Tauben, die das Werk „People“ ( 2026, eine Art Neuauflage des 1997 erstmals in Venedig präsentierten Werks) bilden, auf der Deckenkonstruktion nieder und verwandeln den Raum in einen Ort der kollektiven Besinnung und stillen Beobachtung.
„Eine Kirche ist eine großartige Erfindung, weil sie dem Unsichtbaren Gestalt verleiht“, sagt Maurizio Cattelan. „Die Neue Nationalgalerie besitzt bereits eine rituelle Dimension: ihre Größe, ihre Symmetrie, die Stille und die Distanz zum Alltag. Ich habe mir den Raum fast wie eine zeitgenössische Kirche vorgestellt: ein Mittelschiff, Seitenschiffe und eine Abfolge von Präsenzformen.“
Zu den im großen Saal versammelten Werken gehört, wie bereits erwähnt, „Him“, eine kleine, aber äußerst verstörende Skulptur, die von hinten betrachtet wie ein im Gebet kniendes Kind wirkt, bis der Betrachter die Gesichtszüge von Adolf Hitler erkennt. Eine Gruppe von Marmorarbeiten knüpft an die italienische Bildhauertradition an: „All“ (2007) zeigt neun in Leichentücher gehüllte, lebensgroße Körper, die aus Carrara-Marmor gemeißelt sind und als horizontales Denkmal für einen universellen und anonymen Tod stehen; „Bones“ (2025) stellt einen monumentalen, zu Boden gestürzten Adler aus Statuarmarmor dar, ein Symbol für eine zu Boden geworfene Macht; „First“ (2025) hingegen zeigt ein Marmorei, das von einem einzigen Eisennagel durchbohrt ist. An anderer Stelle schwebt in „Novecento“ (1997) ein lebensgroßes ausgestopftes Pferd in der Luft, eine Allegorie auf ein Jahrhundert des Verschleißes, während „Pentecost“ (2002) einen ausgestopften Esel zeigt, der an einen überladenen Karren angebunden ist und kurz davor steht, zusammenzubrechen.
Die Ausstellung greift immer wieder das Thema des Selbstporträts und des Scheiterns auf. „Charlie Don’t Surf“ (1997) zeigt einen Schüler, der an einer Schulbank sitzt und dessen Hände von Bleistiften durchbohrt sind; „La Rivoluzione Siamo Noi“ (2000) zeigt einen kleinen Cattelan-Miniaturmann, gekleidet in einen Filzanzug im Stil von Joseph Beuys, der an einem Kleiderbügel in einem der von Mies van der Rohe entworfenen Kleiderschränke hängt; „We“ (2010) zeigt hingegen zwei identische Figuren des Künstlers, die nebeneinander auf einem Bett liegen. Zwei weitere neue Auftragsarbeiten thematisieren Zeit und Sterblichkeit: „After“ (2026), ein sechs Meter langes Eisenrohr, das wie eine Glocke angeschlagen wird und in dessen Innerem ein Hund schläft, sowie „Dust“ (2026), ein Feuerlöscher, der die Asche eines Freundes des Künstlers bewahrt und gemäß den vom Verstorbenen selbst geäußerten Wünschen angefertigt wurde.
„Im Verlauf der Ausstellung“, erklären die beiden Kuratoren, „werden vertraute Bilder und Figuren leicht verändert, um ihre Bedeutung zu verunsichern und sie für vielfältige Lesarten zu öffnen, die zwischen Ironie und Mehrdeutigkeit oszillieren. Die in Berlin präsentierte Ausstellung entfaltet sich in einem Kontext, der von historischen Schichtungen und sich ständig wandelnden Erinnerungsprozessen geprägt ist. Im Dialog mit der Architektur des Museums verwandeln die Werke das Gebäude nicht in einen bloßen Behälter, sondern in einen integralen Bestandteil der Ausstellung selbst. Durch eine Abfolge von Begegnungen, die zwischen Monumentalität und Intimität, Sichtbarkeit und Verborgenheit oszillieren, lädt NIGHT das Publikum dazu ein, darüber nachzudenken, wie Bilder, Symbole und Bedeutungsstrukturen im Laufe der Zeit zirkulieren und sich wandeln.“
Die in Berlin präsentierte Ausstellung NIGHT fügt sich in einen Kontext ein, der von historischen Schichtungen und noch immer andauernden Erinnerungsprozessen geprägt ist. Durch eine Abfolge von Begegnungen, die zwischen Monumentalität und Intimität, Sichtbarkeit und Verborgenheit oszillieren, lädt die Ausstellung das Publikum dazu ein, darüber nachzudenken, wie Bilder, Symbole und Bedeutungsstrukturen im Laufe der Zeit zirkulieren und sich wandeln. Seit über drei Jahrzehnten zählt Maurizio Cattelan, geboren 1960 in Padua, zu den bedeutendsten Vertretern der internationalen zeitgenössischen Kunst, mit einem Werk aus Skulpturen, Installationen und konzeptuellen Interventionen, die sich mit Autorität, kollektivem Gedächtnis und sozialer Macht befassen. Seine Werke wurden weltweit ausgestellt, darunter bei mehreren Ausgaben der Biennale von Venedig sowie in bedeutenden Einzelausstellungen im Solomon R. Guggenheim Museum in New York ( „All“, 2011) und in der Monnaie de Paris ( „Not Afraid of Love“, 2016). „NIGHT“ markiert zudem seine Rückkehr nach Berlin, zwanzig Jahre nach der Mitkuratierung der vierten Berliner Biennale im Jahr 2006.
Der Preis der Nationalgalerie, der im Jahr 2000 von den FREUNDE der Nationalgalerie ins Leben gerufen wurde, hat sich in den letzten 25 Jahren als eine der bedeutendsten Auszeichnungen für zeitgenössische Kunst etabliert. Im Jahr 2026 tritt der Preis dank des Umzugs in den berühmten Glassaal der Neuen Nationalgalerie in eine neue Phase ein und wird zu einer einzigartigen Gelegenheit für einen Künstler, eine gezielte und ambitionierte Präsentation zu realisieren. Die Jury des Preises 2026 bestand aus Emma Lavigne, Direktorin der Pinault Collection in Paris, Sam Keller, Direktor der Fondation Beyeler in Basel, und Klaus Biesenbach, Direktor der Neuen Nationalgalerie; Neben den Jurymitgliedern konnten auch die Kuratoren der Nationalgalerie sowie die Mitglieder der FREUNDE der Nationalgalerie Kandidaten vorschlagen. Der Preis der Nationalgalerie wird von den FREUNDE der Nationalgalerie ermöglicht und von BMW unterstützt, mit Monopol als Medienpartner. Begleitend zur Ausstellung erscheint zudem ein Pop-up-Buch, herausgegeben von Papersmyths Ltd, das in einer englischen Auflage von 750 Exemplaren zum Preis von 75 Euro erhältlich ist und im Museumsshop sowie online in den Shops der SMB und der FREUNDE der Nationalgalerie erworben werden kann. Anlässlich der Berlin Art Week werden die Öffnungszeiten der Ausstellung von Donnerstag, dem 10., bis Sonntag, dem 13. September 2026, von 10 bis 22 Uhr verlängert.
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| Maurizio Cattelan verwandelt in Berlin das Museum in eine zeitgenössische Kirche |
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