Frankreich wird auf der 61. Biennale von Venedig von Yto Barrada (Paris, 1971) mit dem Projekt „Comme Saturne“ unter der Kuration von Myriam Ben Salah vertreten. Die Künstlerin präsentiert im französischen Pavillon ein Werk, das aus der kosmologischen Vorstellungswelt rund um den Saturn entsteht – einem Planeten, der traditionell mit Melancholie, Zurückgezogenheit und bedächtigem Denken in Verbindung gebracht wird – und verwandelt es in ein Konzept, das Sprache, Farbe, Materie, Textiltechniken, Mythos und Erinnerung miteinander in Beziehung setzt. „Comme Saturne“ nimmt nicht nur innerhalb des Ausstellungsraums Gestalt an, sondern entwickelt sich durch einen Experimentierprozess, der auf Assoziation und Verknüpfung beruht. Ein Wort ruft ein anderes hervor, eine Technik ebnet den Weg für einen Mythos, eine Farbe verweist auf die Geschichte eines Materials, und selbst der Fehler kann sich in eine Geste verwandeln. Grundlage der neuen Arbeit von Yto Barrada ist insbesondere der Begriff „dévoré“, der eine Technik der Textilveredelung bezeichnet und für die Künstlerin zu einem zugleich konkreten und paradoxen Ausgangspunkt wird. Der Begriff erinnert nämlich an den revolutionären Satz, wonach die Revolution wie Saturn ihre eigenen Kinder verschlingt.
Der gesamte Pavillon ist als eine Art Saturn gewidmete Suite konzipiert, die durch Sequenzen, Wiederholungen, Variationen und Umkehrungen strukturiert ist. Die Ausstellung erstreckt sich über verschiedene Räume, von denen jeder durch eine eigene Funktion und ein eigenes Bezugssystem gekennzeichnet ist, die jedoch alle im Rahmen einer einzigen Untersuchung miteinander verbunden sind, die die etablierten Beziehungen zwischen Wissen, Materie und Darstellung hinterfragt. An der Schwelle des Pavillons befindet sich ein Drachen aus Ziegenleder, ein Element, das symbolisch eine Verbindung zwischen Himmel und Erde herstellt. Das Bild des Drachens führt somit eines der zentralen Themen des Projekts ein: die Beziehung zwischen scheinbar weit voneinander entfernten Dimensionen, zwischen dem Kosmischen und dem Materiellen, zwischen dem Hohen und dem Niedrigen, zwischen Mythos und konkreter Erfahrung.
Es folgt der „Saal der Falten“, ein mit Wolle verkleideter und drapierter Raum, der durch das Tageslicht nach und nach gebleicht wird. Hier schafft Yto Barrada einen Dialog zwischen der kosmischen Zeit und der mythologischen Zeit des Kronos, jener Figur, die in der klassischen Tradition eng mit Saturn verbunden ist. Das Textilmaterial wird somit auch zu einem Mittel, um das Vergehen der Zeit sichtbar zu machen – durch einen Transformationsprozess, der nicht nur ästhetischer, sondern auch konzeptueller Natur ist.
Im Zentrum des Parcours steht ein Rad aus Regeln und Vorgaben, das vonder OuLiPo übernommen wurde, jener französischen Literaturgruppe, die auf Experimentieren und der Nutzung von Strukturen, Regeln und Einschränkungen als Werkzeuge zur Erschließung neuer kreativer Möglichkeiten basiert. Dieses Dispositiv verweist auf die Sprachspiele, die sich durch das gesamte Projekt ziehen, und hebt einen der grundlegenden Aspekte von Barradas Forschung hervor: Die Vorgabe wird nicht als Einschränkung der Freiheit interpretiert, sondern als eine Bedingung, die unerwartete Assoziationen, Abweichungen und neue Formen hervorbringen kann.
Der „Arbeitssaal“ vertieft hingegen das Thema der Saturnalien, der Feste im alten Rom zu Ehren des Saturn, bei denen die soziale Ordnung vorübergehend auf den Kopf gestellt und Hierarchien umgekehrt werden konnten. Auch in diesem Fall wird der historische und mythologische Bezug zu einem Mittel, um die Strukturen zu hinterfragen, durch die die Gesellschaft ihre Beziehungen, ihre Kategorien und ihre Autoritätsformen organisiert. Der „Sala dello studio“ (Studierzimmer) hat hingegen seine Wurzeln in „The Mothership“, einem Garten mit farbenfrohen Pflanzen, den die Künstlerin in Tanger angelegt hat. In diesem Kontext wird Farbe nicht nur als visuelles Element betrachtet, sondern als eine Form kollektiven Wissens, das von Künstlern, Handwerkern und Gärtnern gemeinsam geteilt wird. Natürliche Materialien, handwerkliche Praktiken und künstlerische Forschung treten so in eine Beziehung zueinander und stellen die Trennung zwischen Fachwissen und durch Erfahrung entwickeltem Wissen in Frage. Der Rundgang gipfelt in der „Salle du dévoré“, wo die mit der saturnischen Dimension verbundene Gewalt eine physische Umsetzung findet. Hier wird das Material durch den Einsatz von Säure angegriffen und erzeugt das, was das Projekt als „Ökonomie des Fragments“ bezeichnet. Abnutzung, Abrieb und Formverlust werden zu Strategien, die zugleich ästhetisch und politisch sind. Das abgenutzte Material ist somit nicht einfach das Ergebnis eines technischen Prozesses, sondern wird zum Ort, an dem sich eine Reflexion über Gewalt, Transformation und Prekarität manifestiert.
Gerade in dieser Beziehung zwischen Zerstörung und Transformation findet „Comme Saturne“ einen seiner wichtigsten Interpretationsschlüssel. Das Projekt will weniger eine Flucht aus der Realität als vielmehr ein Instrument des poetischen Überlebens bieten. Die Antwort auf den Zustand der Instabilität der Welt ist nicht das Sich-der-Melancholie-Hingeben, sondern die Möglichkeit, diese Instabilität mit Klarheit zu bewohnen und dabei Spott, Angst und Ernsthaftigkeit miteinander zu verbinden.
Die Ausstellung wird von einer Publikation begleitet, die der von Yto Barrada durchgeführten Forschung gewidmet ist. Da der Katalog erst nach der Ausstellungseröffnung erschien, enthält er auch Bilder der ausgestatteten Räume und dokumentiert detailliert die jüngsten Experimente der Künstlerin in den Bereichen Sprache, Farbe und materielle Kultur.
Der Band beginnt mit einem Glossar, das sich Begriffen aus den Bereichen Färben, Stoffe und Textiltechniken widmet, die den Ausgangspunkt für die für den französischen Pavillon geschaffenen Werke und Installationen bildeten. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei einigen mehrdeutigen Begriffen, deren Bedeutung sich je nach dem Kontext ändert, in dem sie ausgesprochen und verwendet werden. Dazu gehören Wörter, die mit Traurigkeit, Erschöpfung, Verschlungenwerden, Lücke und Futter in Verbindung stehen. Das Glossar stellt somit bereits auf den ersten Seiten ein Verhältnis der Freiheit gegenüber der Autorität des etablierten Wissens her.
Das Herzstück der Publikation bilden die sogenannten „plates“, Tafeln, auf denen das Bild die Mitte der Seite einnimmt, während der Text an den Rand verlagert wird. Auch diese redaktionelle Entscheidung greift eine westliche Konvention auf, die mit der Buchtradition und dem Vorrang des Textes gegenüber dem Bild verbunden ist, und kehrt sie um, indem sie stattdessen der visuellen Komponente eine vorrangige Stellung einräumt.
So wie im Pavillon die Ränder eine zentrale Rolle einnehmen, so erhalten auch in diesem Band Illustrationen und Fußnoten eine vorrangige Funktion und werden von Kommentaren begleitet. Ein Detail eines Werks, ein Blick in das Atelier oder auf eine Ausstellung, ein ikonografischer Bezug oder eine Momentaufnahme des Schaffensprozesses treten in einen Dialog mit Anmerkungen, Zitaten und mündlichen Zeugnissen. Das Ergebnis ist ein System aus Beziehungen und Verzweigungen, das einen sich entwickelnden Gedankengang auf die Seite überträgt.
Das Buch wird als „subjektive Enzyklopädie“ bezeichnet, in der der Leser Assoziationen und Querverweisen folgt, insbesondere solchen, die auf das einleitende Glossar verweisen. Die Struktur lädt somit zu einer nicht unbedingt linearen Lektüre ein, die von Umwegen, Rückblicken und Fluchtpunkten geprägt ist. Zahlreiche Perspektiven und unterschiedliche Standpunkte fügen sich schließlich zu einem Geflecht zusammen, das das Erlebnis der venezianischen Ausstellung über den physischen Raum des Pavillons hinaus erweitert.
Der Katalog enthält zudem eine Einleitung von Myriam Ben Salah, Direktorin der Renaissance Society in Chicago und Kuratorin des französischen Pavillons, einen Aufsatz von Arnaud Dubois, Farbanthropologe am CNRS und wissenschaftlicher Berater des Pavillons, sowie einen bisher unveröffentlichten Beitrag des Historikers und Oulipo-Autors Marcel Bénabou.
Yto Barradas Präsenz auf der Biennale von Venedig beschränkt sich jedoch nicht auf die Räume des französischen Pavillons. Um die Reichweite des Projekts zu vergrößern und seine internationale Dimension zu stärken, hat das Institut français gemeinsam mit seinem Kulturnetzwerk im Ausland in Zusammenarbeit mit der Kuratorin eine Reihe von Initiativen entwickelt, die dem Werk der Künstlerin gewidmet sind. Die Initiativen, die vor, während und nach der Kunstbiennale stattfinden sollen, umfassen Gespräche, Filmvorführungen, Ausstellungen, Workshops und Residenzen. Das Programm erstreckt sich über verschiedene Orte, die jedoch alle mit Barradas beruflichem Werdegang verbunden sind, und verbindet Städte und Institutionen von Neu-Delhi bis Paris, von London bis Tanger.
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| Yto Barrada präsentiert „Comme Saturne“ im französischen Pavillon auf der Biennale von Venedig |
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