Eine Reise durch fünf Jahrhunderte Kunstgeschichte, die dem subtilen, aber entscheidenden roten Faden der Zeichnung folgt. Das ist der Kern von „Passione Disegno“. Von Leonardo da Vinci bis Keith Haring: So präsentiert sich die Ausstellung, die das Castello Sforzesco in Mailand vom 26. Juni bis zum 27. September 2026 in den „Salette della Grafica “ zeigt. Die Ausstellung, deren Eintritt frei ist, vereint über sechzig Werke aus den Sammlungen des „Gabinetto dei Disegni“ und bietet dem Publikum die Gelegenheit, eines der bedeutendsten städtischen Kulturgüter Italiens im Bereich der Kunst auf Papier kennenzulernen. Die von Alessia Alberti, Simona Maniello und Francesca Mariano kuratierte Ausstellung bietet einen Rundgang durch über fünfhundert Jahre künstlerischen Schaffens, vom 15. bis zum 20. Jahrhundert, und bringt dabei verschiedene Künstler, Epochen und Ausdrucksformen miteinander in Dialog. Anhand berühmter Blätter und selten gezeigter Werke möchte die Ausstellung die zentrale Rolle beleuchten, die die Zeichnung in der Kunstgeschichte eingenommen hat – nicht nur als vorbereitendes Mittel, sondern auch als eigenständige Ausdrucksform.
Der Ausstellungsparcours nimmt seinen Anfang bei den außergewöhnlichen Beständen des Zeichnungskabinetts im Castello Sforzesco, einer Sammlung, die heute über 30.000 Werke aus dem 15. bis zum 20. Jahrhundert umfasst. Es handelt sich um ein Kulturerbe, das im Laufe von mehr als anderthalb Jahrhunderten durch Schenkungen, Vermächtnisse, Ankäufe und Kampagnen zur Erweiterung der städtischen Sammlungen entstanden ist und die Entwicklung der Zeichnung in ihren vielfältigen Funktionen und Anwendungsbereichen dokumentiert. Die Ausstellung bietet die Gelegenheit, Werke einiger der bedeutendsten Persönlichkeiten der italienischen und internationalen Kunstgeschichte zu bewundern. Zu den vertretenen Namen zählen Leonardo da Vinci, Giovanni Battista Tiepolo, Andrea Appiani, Gaetano Previati, Umberto Boccioni und Keith Haring. Eine Reihe von Künstlern, die zwar aus völlig unterschiedlichen historischen und kulturellen Kontexten stammen, jedoch die Kontinuität und die außergewöhnliche Lebendigkeit der Zeichnung als künstlerische Ausdrucksform bezeugen.
Die Ausstellung versteht sich auch als Gelegenheit, den Wert des gezeichneten Blattes wiederzuentdecken, das von der breiten Öffentlichkeit oft als vorbereitende Phase im Hinblick auf das endgültige Werk wahrgenommen wird. Tatsächlich ist die Zeichnung seit jeher ein bevorzugtes Instrument der Forschung, der Planung und des Experimentierens. Durch die Zeichnung erforscht der Künstler die Realität, entwirft Kompositionen, entwickelt Ideen und erprobt formale Lösungen, die in vielen Fällen eine eigenständige Ausdruckskraft erreichen. Der in den „Salette della Grafica“ gestaltete Ausstellungsparcours führt den Besucher genau durch diese Vielfalt an Funktionen. Neben den Vorentwürfen finden Entwürfe, Studien und Werke Platz, die von Anfang an als eigenständige Arbeiten konzipiert wurden. Daraus ergibt sich das Bild einer künstlerischen Praxis, die sich an den Wandel der Epochen anpassen kann, dabei jedoch ihre zentrale Rolle im kreativen Prozess bewahrt.
Die Präsenz von Leonardo da Vinci ist natürlich einer der größten Anziehungspunkte des gesamten Rundgangs. Der toskanische Künstler gilt weltweit als einer der größten Zeichner der westlichen Geschichte. In seinen Blättern wird die Zeichnung zugleich zum Instrument wissenschaftlicher Erforschung, zum Mittel der Naturbeobachtung und zum Träger künstlerischer Erfindung. Seine Präsenz in der Ausstellung ermöglicht es, die Erzählung ideellerweise mit einem der Höhepunkte der Renaissancekultur zu beginnen.
Neben Leonardo entfaltet sich ein Rundgang, der Jahrhunderte des Experimentierens und des Wandels durchläuft. Giovanni Battista Tiepolo verkörpert die große venezianische Tradition des 18. Jahrhunderts, die sich durch eine außergewöhnliche grafische Freiheit und eine einzigartige Fähigkeit zur Schaffung leuchtender und dynamischer Stimmungen auszeichnet. Andrea Appiani hingegen zeugt von der neoklassizistischen Epoche und der Beziehung zwischen Kunst und institutionellen Auftraggebern in einer entscheidenden Phase der italienischen Geschichte. Mit Gaetano Previati taucht der Parcours in die symbolistischen Strömungen zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert ein, während Umberto Boccioni die futuristische Revolution und den Willen dokumentiert, die Geschwindigkeit und Dynamik der Moderne in grafische Zeichen zu übersetzen. Schließlich führt Keith Haring die Erzählung bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts fort und zeigt, wie die Zeichnung auch in zeitgenössischen künstlerischen Praktiken weiterhin ein grundlegendes Mittel darstellt.
Die Ausstellung beschränkt sich jedoch nicht darauf, eine Auswahl von Meisterwerken zu präsentieren. Ein wichtiger Teil des Projekts ist der Geschichte der Mailänder städtischen Sammlung selbst gewidmet, um den langen Weg nachzuzeichnen, der zur Entstehung des „Gabinetto dei Disegni“ geführt hat. Anhand von Dokumenten, Werken und Hintergrundinformationen wird die Geschichte einer Sammlung deutlich, die sich parallel zum kulturellen Aufschwung der Stadt entwickelt hat. Die Ursprünge der Sammlung reichen bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück, eine für die Herausbildung der italienischen kulturellen Identität nach der nationalen Einheit besonders bedeutsame Zeit. Es waren einige bedeutende private Schenkungen, die den ersten Kern der städtischen Sammlungen bildeten und einen Prozess der Bereicherung in Gang setzten, der sich in den folgenden Jahrzehnten fortsetzen sollte. Zu den Protagonisten dieser Anfangsphase zählen der Bildhauer Pompeo Marchesi, der Beamte Antonio Guasconi und der Adlige Gian Giacomo Attendolo Bolognini. Dank ihrer Schenkungen nahmen die städtischen Sammlungen einen solchen Umfang an, dass der Aufbau eines Kulturerbes möglich wurde, das im Laufe der Zeit weiter wachsen sollte.
Ein Meilenstein auf diesem Weg war die Verlegung der Sammlungen ins Castello Sforzesco im Jahr 1900. Dieser Schritt markierte einen entscheidenden Moment für die künftige Gründung des Gabinetto dei Disegni und legte den Grundstein für eine Politik der Erhaltung und Aufwertung, die das gesamte 20. Jahrhundert prägen sollte. Im Laufe des vergangenen Jahrhunderts wuchs die Sammlung durch Neuerwerbungen und Vermächtnisse weiter an, bis sie ihren heutigen Umfang von über dreißigtausend Werken erreichte. Die Ausstellung verdeutlicht, dass dieses Kulturerbe nicht das Ergebnis eines einheitlichen, in kurzer Zeit entwickelten Projekts ist, sondern das Ergebnis einer langen und weitsichtigen Kulturstrategie, die im Laufe der Zeit aufgebaut wurde.
Die Geschichte der Sammlung wird so auch zu einer Geschichte der Stadt Mailand und ihrer kulturellen Institutionen. Die im Castello Sforzesco aufbewahrten Werke zeugen nämlich von der beständigen Beziehung zwischen öffentlicher Verwaltung, privatem Sammlerwesen und dem Schutz des künstlerischen Erbes – Elemente, die dazu beigetragen haben, die lombardische Hauptstadt zu einem der wichtigsten kulturellen Zentren Italiens zu machen.
Die Ausstellung geht zudem auf Studien zurück, die anlässlich der Veröffentlichung des Führers „I grandi nuclei collezionistici del Gabinetto dei Disegni del Castello Sforzesco“ entstanden sind, der sowohl in italienischer als auch in englischer Sprache erhältlich ist. Der Band stellt ein grundlegendes Hilfsmittel zur Vertiefung der Kenntnisse über die Sammlungen dar und bildet den wissenschaftlichen Ausgangspunkt des Ausstellungsprojekts.
Besonderes Augenmerk wurde auch aufdie visuelle Identität der Ausstellung gelegt. Das grafische Konzept wurde in Zusammenarbeit mit der „Civica Scuola Arte & Messaggio“ entwickelt, wobei die Schüler direkt in eine Lernerfahrung einbezogen wurden, die das historische Erbe mit zeitgenössischer Kreativität verbindet. Die Schüler der zweiten Klassen arbeiteten an der Gestaltung des Plakats, des Impressums und der Einführungswandtafel der Ausstellung, während sich die Schüler der ersten Klassen um die Erstellung der Bildunterschriften und der Wandtafeln für die verschiedenen Abschnitte des Ausstellungsrundgangs kümmerten. Das Ergebnis ist eine Ausstellung, die die Hervorhebung der Kunstwerke mit dem gestalterischen Beitrag der jungen Generation verbindet. Die ausgewählten Arbeiten sind integraler Bestandteil der Ausstellung und werden zusammen mit einer Videopräsentation gezeigt, die die von den Schülern geleistete Arbeit dokumentiert. Auf diese Weise bietet das Projekt auch eine Gelegenheit zum Dialog zwischen Kulturinstitutionen und der künstlerischen Ausbildung und unterstreicht die Bedeutung der Weitergabe von Kompetenzen und der Förderung junger Talente.
Die Initiative wird zudem durch ein Rahmenprogramm bereichert. Parallel zur Ausstellung organisiert die SUPER – Scuola Superiore d’Arte Applicata del Castello Sforzesco eine Reihe von Workshops zum Thema Zeichnen, die von den Lehrkräften der Schule geleitet werden. Die Veranstaltungen bieten den Teilnehmern die Möglichkeit, Techniken, Ausdrucksformen und Methoden der grafischen Praxis zu vertiefen und stellen so eine direkte Verbindung zwischen der Betrachtung der ausgestellten Werke und der konkreten Erfahrung des Zeichnens her.
„Passione Disegno ist eine besondere Gelegenheit, einen der weniger bekannten Schätze des Castello Sforzesco näher kennenzulernen“, erklärt der Kulturdezernent Tommaso Sacchi. „Anhand der Zeichnungen großer Meister, von Leonardo bis Keith Haring, zeigt der Rundgang die Zeichnung als universelle Sprache, die fünf Jahrhunderte künstlerischer Forschung durchzieht – vom Studienblatt bis zum eigenständigen Werk. Ich freue mich, dass das Projekt auch die Schüler unserer städtischen Schulen einbezieht: Es ist eine konkrete Möglichkeit, das Kulturerbe der Stadt mit dem Blick und der Kreativität der neuen Generationen in einen Dialog zu bringen.“
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| Von Leonardo bis Keith Haring: Die Zeichnungen in der Ausstellung im Castello Sforzesco |
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